Wabi-Sabi oder Embrace the imperfection



Instagram, Youtube, Facebook, Tiktok, Snapchat usw….Social Media sind heute aus unserem Alltag einfach nicht mehr wegzudenken, mindestens bei den jüngeren Generationen gehören sie mehrheitlich dazu wie das Ein - und Ausatmen.

Social Media machen es möglich, die Welt am eigenen mehr oder weniger durch-schnittlichen Leben teilhaben zu lassen, ein neues Produkt zu launchen, Gleichgesinnte anzusprechen, seine Ideen und Vorlieben zu teilen, sich und seine vermeintlichen Talente zu zeigen und manchmal auch, bei einer großen Zielgruppe bekannt und berühmt zu werden.
„Infuencer“ sind die Cash Cows der Unternehmen. Sie werben für Produkte und „beeinflussen“ so das Konsumverhalten der Fanbase. Branded und Community Hashtags bestimmen über Sichtbarkeit und Reichweite.

Und obwohl Bodypositivity und Diversity zunehmend in aller Munde sind, begegnen uns in den sozialen Medien, im TV und auf Werbeplaketen noch immer überwiegend überdurchschnittlich attraktive, schlanke, heterosexuelle und vorrangig junge Menschen in schicken Lofts, an weißsandigen Stränden mit azurblauem Meer mit erfolgreichen Laufbahnen und in Vorzeigefamilien.

Perfektion ist nach wie vor der erstrebenswerteste aller Zustände, und die Richtung heißt "oben".

Überhaupt spielt sich „Zukunft“ und „Erfolg“ gefühlt überwiegend „oben“ ab, also da, wo die mit dem besseren Schulabschluss und Studium, dem besseren Body, dem besseren familiären Background, den cooleren Klamotten, den besseren Noten, dem hübscheren Gesicht und dem meisten Geld sind. Und was "oben" ist, also besonders hübsch und angesagt, bestimmen die Massen. 

Unten sind die, die Narben, Makel und Brüche kennen und nicht selten bereits stigmatisiert sind.

Der Mensch und das wahre Leben sind jedoch mehrheitlich gemeinhin nicht ganz so azurblau, lichtdurchflutet, stromlinienförmig und hochglanzpoliert.
Die Masse, die über Top oder Flop entscheidet und sich nach oben sehnt, ist eigentlich eher durchschnittlich.

Unsere Leben sind immer auch zu einem gewissen Teil durch Scheitern, Tiefs, Enttäuschungen und Umwege gekennzeichnet.
 Scheitern und Tiefen sind jedoch noch immer nicht „gesellschaftsfähig“.
Immer geht es um Erwartungen, Parameter, Konkurrenz und Erfolg.

Es fängt bereits als Kleinkind an:
„WAAAS?“ Emily kann mit einem Jahr noch nicht laufen?“

Kindergarten: 
„Beim Lukas klappt das mit dem Schuhebinden aber noch nicht so gut, das müssen Sie mal üben.“

Schule: 
 „Leider hat Anton das Klassenziel nicht erreicht und muss die fünfte Klasse wiederholen.“

Studium:
„Der Numerus Clausus beträgt 1,5.“

Beruf:
„Gratulation, Herr Thieme, Sie haben dreimal so viele Verträge abgeschlossen wie Herr Sölden. Ach, Herr Sölden…by the way, von Ihnen müssen wir uns leider trennen.“

Privatleben: “Hast du Maria gesehen, Mann, die hat aber ganz schön zugelegt seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, die hat bestimmt Probleme.“

Und immer so weiter.

Wir werden gemessen, verglichen, in Schablonen gepresst und mit Stempeln versehen.

Straight, geradlinig, ohne Tiefen, Lücken und Makel soll ein Lebenslauf und eine Ehe möglichst glücklich, langlebig und kinderreich sein, schlank und makellos die Silhouette und das Gesicht, und die Kinder sollen nicht sitzen bleiben und das Gymnasium besuchen, denn alles andere wäre … nun ja… Gesprächsstoff.

Wer „scheitert“, redet ungern darüber, denn ein Scheitern bezieht die Umwelt in der Regel auf die Person. 
Er hat es nicht geschafft.
Sie hat es nicht gebracht.
Die haben es nicht hingekriegt.
Sie war halt nur halbherzig bei der Sache.
Er hat eben nicht genug gelernt.

Einen Erfolg bringt man interessanterweise häufig eher mit den Umständen in Verbindung.
„Naja, kein Wunder bei den Beziehungen.“
„Der hat halt reiche Eltern.“
„Wenn ich soviel Zeit hätte, würde ich das auch hinkriegen.“
„Der war schon immer ein Arschkriecher.“ 
„Naja, wenn man SO aussieht, hat man´s eben leichter.“ 

Fakt ist, dass die meisten von uns Enttäuschungen, Scheitern, Wunden und Tiefen kennen.
Auch die, denen man es nach außen am wenigsten ansieht wie zum Beispiel Menschen, die im Rampenlicht stehen oder die, die man gemeinhin als „tough“ und „stark“ betitelt.
Gerade sie stecken oft besonders in der Klemme, denn das „Image“ ist in Gefahr.

Ein Scheitern, Wunden, Schwächen und Laster geben wir nur ungern zu.
Wir fürchten, dass unser Wert, unser Selbst-Wert leidet, da Scheitern und Schwäche einen Makel darstellt. 

Das Wort „Scheitern“ ist negativ besetzt.
Ein angestrebtes Ziel wurde nicht erreicht, man hatte keinen Erfolg.
Etwas ist misslungen, missglückt, fehlgeschlagen.

Aber sind wir denn weniger wert, nur weil wir scheitern?
Macht uns nicht gerade das aus? Das Hadern, Schlingern, Scheitern und Lernen?

Warum ordnen wir uns einer Diktatur der Mode, der gesellschaftlichen Erwartungen und des Mainstreams unter? 

Alles dreht sich um Optimieren, Kaschieren und Anpassen.

Ist etwas kaputt, nicht mehr neu oder schwächelt, wird es kurzerhand ersetzt.
Das gilt für Dinge, aber erschreckenderweise häufig auch für Menschen.

Aber sind es nicht gerade die Narben und Spuren in unserem Leben, die uns unverwechselbar, einzigartig und besonders machen? 
Die uns die besten Erkenntnisse bescheren und uns auf neue Ideen und Wege bringen? 

Ist es nicht das Chaos, das Durcheinander und das Unplanbare, das Leben ausmacht?

Hat nicht die Mehrheit der Menschheit so genannte „Makel“?
Falten, Speckröllchen, Sommersprossen, krumme Zehen, große Nasen, dünnes Haar und breite Hüften? Warum ist das scheinbar doch Normale in der breiten Wahrnehmung ein Makel?

Und ist es nicht häufig das tiefe Tal des Scheiterns und der Tränen, das uns die Augen öffnet, uns kreativer und ehrgeiziger macht und uns erst auf den Pfad unserer ganz eigenen Erfüllung und des Erfolgs führt?

Die so genannten "Fuckup Nights" huldigen dem beruflichen Scheitern, um hier ein Zeichen zum setzen und eine Lücke zu schließen, denn während sich die Medien bei erfolgreichen Startups mit öffentlichem Beifall förmlich überschlagen, ist vom Scheitern eher selten und wenn zumeist mit unterschwelliger Häme und Schuldzuweisungen zu lesen.
Dabei haben gerade erfolgreiche Unternehmer nicht selten mehreren Anläufe gebraucht und einige Male Schiffbruch erlitten, bevor sie es auf den beruflichen Olymp geschafft haben.

Scheitern und Fehler sind die besten Lehrer.

Auch die japanische Wabi-Sabi-Philosophie stellt die Schönheit des Unvollkommenen in den Mittelpunkt. Es ist ein ästhetisches Konzept, das eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden ist. „Nicht die offenkundige Schönheit ist das Höchste, sondern die verhüllte, nicht der unmittelbare Glanz der Sonne, sondern der des Mondes.“    

Kintsugi ist die japanische Technik, aus vermeintlich zerbrochenem, zerstörtem durch kunstvolle Reparatur etwas ganz Neues, eine besondere Ästhetik zu schaffen.
Diese Technik wird auf Ashikaga Yoshimasa, einen Shogun des 15. Jahrhunderts, zurückgeführt, wonach dieser eine versehentlich zerbrochene Teeschale zur Reparatur schickte und vom Ergebnis sehr enttäuscht war. Er beauftragte daraufhin japanische Kunsthandwerker mit der Reparatur seiner Teeschale, und sie erdachten eine Methode, die seine Teeschale und besonders den Bruchstellen eine völlig neue Ästhetik verlieh.

Beim Kintsugi werden besonders die Bruchstellen, die Risse in der Keramik durch Goldpigmente hervorgehoben und anschließend poliert.
Dem Fehlerhaften und Zerbrochenen wird quasi wie durch Metamorphose neues Leben eingehaucht, und es wird so zu einem neuen, wunderbaren Ganzen.

Jeder Mensch fällt, macht Fehler, trifft falsche Entscheidungen, überschätzt sich, unterschätzt Situationen, verpasst Chancen, schlingert und leidet mal.
Jeder von uns hat Sorgen, Ängste, Zweifel und so genannte Makel.

Genau das macht uns zu Menschen.

Wenn wir uns als die akzeptieren, die wir sind, sind wir in der Lage, die wahre Schönheit zu erkennen, Veränderung zu ermöglichen, Raum zum schaffen, unsere Chancen und Möglichkeiten zum erweitern und zu wachsen.

Lasst uns die Unvollkommenheit feiern, die Fehler willkommen heißen und die Brüche vergolden.


There´s a crack in everything, that´s how the light gets in.“

(Leonard Cohen)




Foto: istock

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