Über das Schreiben
Schreiben.
Der eine hasst es, der andere liebt es.
Der eine hasst es, der andere liebt es.
Den einen beneiden wir um seine schöne Schrift, dem anderen bescheinigen wir eine Sauklaue. Ärzten sagt man nach, sie würden generell unleserlich schreiben.
Man schreibt bevorzugt mit Kuli oder Bleistift, mit rechts oder links, und manch einer kann beides. Einige bekannte Persönlichkeiten wie Beethoven, Goethe, Nietzsche oder Leonardo da Vinci waren Linkshänder, letzterer schrieb darüber hinaus sogar in Spiegelschrift. (Man vermutet, dass es ihm als Linkshänder schlicht leichter fiel von rechts nach links zu schreiben.)
Es gab Zeiten, in denen man sich Briefe schickte, um einander von seinen Erlebnissen zu berichten oder seine Liebe zu gestehen, oder man bedachte seine Liebsten mit Postkarten aus dem Urlaub (die nicht selten erst nach der eigenen Heimkehr ankamen).
Man führte Tagebuch, um seine Erlebnisse auf dem Papier festzuhalten und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich selbst habe auch noch ein Sammelsurium an Tagebüchern aus meiner Jugend.
Und es gab Brieffreundschaften.
Ich liebte das Lesen, Malen und Schreiben schon immer.
Und ich war schon immer neugierig und kontaktfreudig.
Und so wundert es nicht, dass ich früher Brieffreunde* hatte. Kennengelernt hatte ich sie dank der Zeitschrift „Rate Mal“, einem Kinder- und Jugendmagazin, das zwischen 1968-1987 vom Erich-Pabel-Verlag herausgegeben wurde (unbezahlte Werbung) und das nebst Rätseln, Reportagen und Comics auch die Möglichkeit bot, über Anzeigen Brieffreundschaften zu knüpfen.
Und so wundert es nicht, dass ich früher Brieffreunde* hatte. Kennengelernt hatte ich sie dank der Zeitschrift „Rate Mal“, einem Kinder- und Jugendmagazin, das zwischen 1968-1987 vom Erich-Pabel-Verlag herausgegeben wurde (unbezahlte Werbung) und das nebst Rätseln, Reportagen und Comics auch die Möglichkeit bot, über Anzeigen Brieffreundschaften zu knüpfen.
Ich hatte u.a. Brieffreundinnen im Raum München und in Baden Württemberg, beides ziemlich weit weg von Berlin, wo ich groß geworden bin, aber unsere Brieffreundschaft und die Liebe zum Schreiben überbrückte diese räumliche Distanz.
Ich weiß noch genau, wie sehr ich immer dem Tag entgegenfieberte, an dem wieder ein Brief von ihnen im Briefkasten lag, meistens mehrere Seiten eng und mit dem aktuellen Lieblingsstift in der aktuellen Lieblingsfarbe beschrieben, verziert und bemalt und mit Fotos dabei, damit wir einander auch "ansehen" konnten.
Es war ein ganz wunderbares Gefühl, den dicken, ebenfalls bunt verzierten Umschlag zu öffnen und zu schauen, was in ihm war und was im Leben der Freundin seit dem letzten Brief so alles passiert war.
Mit einem Mädchen habe ich bis heute Kontakt.
Kennen gelernt hatten wir uns dank "Rate Mal" mit ca. 11 Jahren, und nachdem wir uns schon ca. ein Jahr lang geschrieben hatten, kam sie mich sogar einmal in Berlin besuchen. Es war ein großartiges Erlebnis.
Kennen gelernt hatten wir uns dank "Rate Mal" mit ca. 11 Jahren, und nachdem wir uns schon ca. ein Jahr lang geschrieben hatten, kam sie mich sogar einmal in Berlin besuchen. Es war ein großartiges Erlebnis.
Ich hatte sie später noch zweimal auf der Durchreise bzw. im Rahmen eines Messebesuchs in München besucht.
Sehr wahrscheinlich wären wir uns nie begegnet, hätten wir beide nicht gerne die Zeitschrift "Rate Mal" gelesen und gerne geschrieben.
Heute wird mehr getippt als geschrieben, und erst recht keine seitenlangen Briefe.
Wozu auch, kann man doch mittels Whats App und Skype jederzeit in Echtzeit miteinander in Kontakt treten und dank Instagram und Snapchat am Leben des* anderen und dem Rest der Welt teilhaben und jedem quasi bis ins Wohnzimmer (oder noch weiter) folgen.
Die Grenzen setzt hier jeder selbst.
Postkarten werden, wenn überhaupt, mit einer App versendet, und was eine Brieffreundschaft ist, wissen womöglich die wenigsten der unter 20jährigen. Sie haben andere Wege, um miteinander in Kontakt zu treten, und ihre Form der Kommunikation ist häufig durch Abkürzungen und Emojis geprägt und entspricht unserer Zeit – alles funktioniert knapp, schnell und sofort.
Geschriebenes wird in für Social Media zurecht getrimmte Häppchen gepostet und versendet.
Allein das Tippen auf einer Tastatur oder auf einem Touchscreen vermittelt aber ein vollkommen anderes Gefühl als das Gleiten eines Stiftes über ein Blatt Papier, und Schreiben ist entgegen einer kurzen Whats App Nachricht ein eher ruhiger, konzentrierter Vorgang.
Die Menschen sehnen sich nach mehr Ruhe und innerer Einkehr.
Und so wundert es nicht, dass in den vergangenen Jahren auch das Schreiben von Hand wieder sehr in Mode gekommen ist.
Schönschreiben in Form von kunstvollem Handlettering und Journaling (ähnlich dem Tagebuch schreiben von damals) sind wieder in.
Es geht hierbei nicht nur darum, etwas Schönes zu kreieren, seinen Tag/seinen Monat/sein Jahr zu dokumentieren, sondern beim Schreiben kann man sich auch im besten aller Sinne vergessen. Man kann seine Gedanken und Gefühle niederschreiben.
Das Führen eines Tagebuchs kann ein schönes Ritual werden, beispielsweise vor dem Schlafengehen.
Dinge, die wir uns sozusagen „von der Seele schreiben“, nehmen wir seltener mit in den Schlaf.
Das Expressive Schreiben nach James W. Pennebaker geht noch einige Schritte weiter.
Es kommt mitunter in der Traumatherapie, bei Depressionen und Posttraumatischen Belastungsstörungen (kurz: PTBS) zum Einsatz, und es gibt wissenschaftliche Studien, welche die positiven Effekte des Expressiven Schreibens bei chronischen Erkrankungen wie beispielsweise Asthma, Rheuma, Bluthochdruck und Krebs belegen.
Expressives Schreiben darf hier natürlich nicht als Wunderwaffe oder Heilmittel gegen schwere Krankheiten verstanden werden, sondern stets als verheißungsvolles zusätzliches, unterstützendes Angebot zur Stabilisierung und Optimierung der eigenen Ressourcen, die wir für die Genesung benötigen.
"Expressiv" bedeutet ausdrucksstark, ausdrucksvoll, ausdrucksbetont.
Wir kennen vielleicht expressionistische Maler oder extrovertierte Menschen.
Die Silbe „Ex“ bedeutet „aus, heraus“.
Expressionismus setzt sich aus „ex“ (aus) und „premere“ (drücken) zusammen und bedeutet also kurz gesagt „ausdrücken“.
Extrovertiert setzt sich aus „extra“ (außen) und „vertere“ (wenden) zusammen und bedeutet also „nach außen gewandt/gerichtet“.
Man könnte also sagen, dass es beim Expressiven Schreiben darum geht, sich auszudrücken, etwas von innen nach außen zu bringen.
Warum?
Das Niederschreiben der Gedanken an sich kann bereits eine stressmindernde und somit gesundheitsfördernde Wirkung haben, wobei es nicht darum geht, einen oder mehrere Empfänger* zu haben. Es geht primär um den Prozess des Schreiben an sich.
Gerade in Zeiten wie wir sie heute erleben, bleibt selten Zeit für Gefühle, für Verarbeitung und Heilung, man muss vor allem funktionieren, möglichst konstant. Negative Erlebnisse verursachen Gefühle, und jeder von uns kennt sie. Aber sie deutlich zu artikulieren und sie somit nicht für sich zu behalten, ist eher ungewöhnlich und selten. Zu groß ist häufig die Angst vor Konflikt, Abweisung, Kritik, Verlust, wenn man sagt, was man denkt und fühlt.
Und so bedarf es gar nicht unbedingt der großen Traumata im Leben, um emotional stark belastet zu sein.
Und so bedarf es gar nicht unbedingt der großen Traumata im Leben, um emotional stark belastet zu sein.
Belastungen, physische wie psychische, ohne entsprechenden Ausgleich machen auf Dauer krank, denn Geist und Körper bilden eine Einheit.
Beim Expressiven Schreiben geht es darum, seine negativ behafteten Erlebnisse und damit verbundene Gefühle so stark und deutlich wie möglich auszudrücken, sie zu benennen, in Sprache zu übersetzen, in Worte zu bringen und so einen positiv unterstützenden, stabilisierenden bis zuweilen kurativen Effekt zu erzielen.
Was genau passiert aber beim Expressiven Schreiben?
Zur Verdeutlichung sei hier ein Experiment des US amerikanischen Psychologen Matthew Lieberman erwähnt, bei dem er und sein Team an der University of California beobachteten, dass Menschen mit einer Todesangst vor Spinnen (Arachnophobie) eher in der Lage waren, sich einer echten Spinne körperlich zu nähern, wenn sie ihre angstvollen Gefühle beim Anblick der Spinne in Worten ausdrückten, als jene, die das Objekt ihrer Angst lediglich ansahen.
Unser Gehirn ist unsere Schaltstelle. Hier werden u.a. nicht nur die Signale für unsere Bewegungsabläufe gegeben. Auch unsere Gefühle, welche durch äußere Reize hervorgerufen werden, entstehen im so genannten „limbischen System“, einem Teil unseres Gehirns. Und so wie wir Vokabeln, Formeln und Fakten im Gehirn speichern und ablegen (deklaratives Gedächtnis), so gibt es auch ein emotionales Gehirn, einen Ort, an dem unsere Erlebnisse und damit verknüpfte Gefühle abgelegt werden und so unser gesamtes Leben beeinflussen (implizites Gedächtnis).
Die Macht des Unterbewusstseins.
Dieses implizite Gedächtnis wird von der so genannten „Amygdala“ gesteuert, welches eng mit dem Körper verbunden ist. Emotionen lösen so häufig körperliche Reaktionen wie beispielsweise erhöhten Puls oder Schwitzen aus.
Bei Untersuchungen im MRT hat man nun heraus gefunden, dass es in unserem Gehirn ein Areal gibt, den „Präfrontalen Kortex“, der maßgeblich an der Kontrolle unserer emotionalen Zustände beteiligt ist. Wird dieser nun aktiviert, schaltet er gleichzeitig andere Areale, die vor allem mit negativen Emotionen in Verbindung gebracht werden, wie die vorgenannte Amygdala, aus.
Beim Expressiven Schreiben, passiert eben genau das.
Beim Expressiven Schreiben, passiert eben genau das.
Übersetzen wir also unsere zutiefst empfundenen Emotionen in Sprache und bringen sie verbal zum Ausdruck, steigert dies die Fähigkeit unseres Gehirns, unseren emotionalen Zustand besser zu managen.
Im Fall der Spinnen-Phobiker können wir uns nun also zum Beispiel zwei Personen vorstellen, denen eine lebendige Spinne vorgesetzt wird und von denen eine Person ihre Gedanken und Gefühle artikuliert, beispielsweise so: „Oh mein Gott, mein Herz rast, ich bekomme kaum Luft, ich empfinde soviel Ekel, ich zittere am ganzen Leib, es fühlt sich an, als würde ich sterben, ich habe Panik, ich fühle mich so hilflos und klein, dabei weiß ich doch, dass sie mir nichts tun kann, ich bin doch viel größer, ich kann das nicht, Hilfe, ich brauche Hilfe…“, während die andere Person schweigend in Angst erstarrt.
Bildlich gesehen:
Die sich artikulierende Person empfindet die gleiche Angst, die gleichen Gefühle, ist aber aufgrund der Tatsache, dass sie diese zeitgleich artikuliert, von innen nach außen bringt, gleichzeitig eher in der Lage, sich dem Objekt, das diese starken Gefühle hervorruft, zu nähern, während die andere Person quasi in ihrer Angst stecken bleibt.
Das angsteinflößende Bild, der Anblick der Spinne verkleinert sich sozusagen für Person A, während das Bild für Person B konstant groß bleibt oder sich gar von Mal zu Mal vergrößert.
Ich denke, es wird deutlich, was dies in unserem Innenleben, unserem Speicher, unserem Unterbewusstsein und Motor bewirken kann.
Sehr häufig geht es im Coaching meiner Mandanten oder in meinen Seminaren um Belastungen und Gesundheit, und ich erkläre die komplexen Zusammenhänge zwischen Körper und Geist gerne mit der berühmten Küchenschublade, die wohl fast jeder hat, und in die man so ziemlich alles hineinstopft, was sonst keinen Platz hat oder das man einfach aus dem Blick haben will. Irgendwann passt nichts mehr hinein. Dann fällt alles heraus oder die Schublade klemmt.
So wie ein über die Ufer tretender Fluss, bei dem sich das Wasser nicht selten mit verheerenden Folgen seinen Weg eben woanders bahnt, wenn man dem „Zuviel“ keine Abflussmöglichkeiten bietet. Und manchmal entsteht durch ein Zuviel ein alles zerstörender Tsunami.
Das Schreiben kann also für uns alle ein schöner Begleiter in unserem stressigen Alltag sein.
Das Expressive Schreiben kann uns helfen, unsere Ressourcen zu stärken, unsere Seele zu entlasten, traumatischen Stress und offene Konflikte zu verarbeiten und sogar alte Wunden zu heilen.
Ebenso wichtig, wie das „Was“ ist beim Expressiven Schreiben aber auch das „Wann" und "Wo“.
Wer mehr über das Expressive oder/und Biographische Schreiben erfahren möchte, kann dies in meinen Seminaren tun.
Über die positiven Effekte unserer Umgebung (das "Wo") wird es hier in Kürze noch einen gesonderten Beitrag geben.
Aber egal ob Expressiv oder zum schönen Zeitvertreib:
Natürlich macht das Schreiben mit schönen Papieren, Farben, Heften und Stiften gleich doppelt so viel Spaß.
Foto: istock



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