Schwänz-Days for Future???


An die Nörgler und Haar in der Suppe-Sucher 

Ich war vorgestern mit meiner Tochter und ein paar ihrer Freundinnen beim Friday for Future in Düsseldorf. Weltweit fanden an diesem Tag an 2083 Plätzen in 125 Ländern Demonstrationen für den Klimaschutz statt.
1,4 Millionen Menschen, vornehmlich Schüler*, gingen auf die Straße.
Ein globales Zeichen für den Klimaschutz zu setzen, war das Ziel.

Ursprünglich initiiert wurden die Fridays for Future von Greta Thunberg, einer 16jährigen schwedischen Klimaschutzaktivistin, die inzwischen wohl jeder kennen dürfte.

Fridays for Future.
Viel hat man in den letzten Wochen gelesen, viel Kritik und maßregelnde Worte wurden Greta und den streikenden Schülern* entgegengebracht, aber auch Lob und Anerkennung. 
Dennoch schwappt einem in den (Sozialen) Medien nach wie vor viel diffamierendes Krakeele entgegen, und auch Politiker und Schulleiter* tun sich hier und da schwer mit dem zivilen Ungehorsam, der sich wie ein Virus in den Schulen auszubreiten scheint.

Mein persönlicher Eindruck, umso mehr, nachdem ich der Demonstration beigewohnt habe, an der sich der ca. 8000 -9000 junge Düsseldorfer* beteiligt haben, ist dieser:

Woran wir und unsere Welt anno 2019 kranken, ist nicht allein der zunehmend desolate Zustand unser aller Lebensraum (oh, und nicht zu vergessen der häufige Unterrichtsausfall wegen Lehrermangel), sondern auch fehlende gemeinsame Ziele, fehlende Gemeinschaft, fehlende gemeinsame Motive und Motivation, fehlender Zuspruch und fehlende Unterstützung durch diejenigen, die unsere grundlegenden Lebensbedingungen weitgehend bestimmen in Politik und Wirtschaft. 
Es mangelt an gegenseitiger Akzeptanz und Respekt. 
Und es mangelt vielen zunehmend an Perspektiven.

Überall tönt es „Digitalisierung“!
Nun, ich bin eifriger Nutzer digitaler Medien, weiß ihre Vorteile zu schätzen, weiß auch um ihre Gefahren, aber schließlich sind sie nun einmal da, und wir können sie (bei allen Pros und mindestens ebenso vielen Cons) nicht mehr einfach wegschnippen. Über das Wie und Wieviel und sich bietende oder verpasste Chancen lässt sich gar vortrefflich diskutieren.

Was ich jedoch in dem lauten Getöne um Digitalisierung und Innovation vermisse, ist andererseits die gleichzeitige Würdigung und Förderung dessen, was uns allen (und bitte, hier soll sich kein Einzelner angesprochen fühlen) weitgehend mehr und mehr verloren gegangen sein scheint:

Zusammengehörigkeitsgefühl, Kampfgeist, Optimismus, Rücksicht, Empathie, Perspektiven, Mut, gewagte und gewürdigte Individualität.
Das, was jeden Einzelnen von uns ausmacht und am Leben hält.
Das Einzigartige einerseits, und das Gemeinsame andererseits.

Als ich vorgestern mit den jungen Menschen mit marschierte, war eben das spürbar. 
Ein gemeinsamer Spirit, etwas, das alle zusammenschweißt. 
Ein gemeinsames Projekt. 
Ein Plan, ein Ziel, Idealismus, ein gemeinsamer Funken, der überspringt.
Brennen, um andere anzustecken.

In meinen Coachings und Workshops sehe ich häufig in graue, desillusionierte Gesichter - bei Erwachsenen ebenso wie bereits bei Schülern*. 
Meine Erfahrung zeigt mir, dass es sehr häufig nur einen kleinen Impuls, einen winzigen Anstoß braucht, um diesen Menschen wieder Zuversicht zu geben und ein Funkeln in die müden Augen zu zaubern. Etwas, das sie antreibt, das ihnen einen Sinn für ihre Mühen vermittelt. Etwas, das ihnen Energie gibt, während sie gleichzeitig Energie investieren.
Etwas anderes als Geld und Noten ihnen geben können.

Häufig geht es um Veränderung. 
Veränderung hat auch immer etwas Unbequemes, Mühsames, zumeist mit Opfern zu tun. Veränderung macht oft Angst.
All das sind mitunter Gründe dafür, warum Menschen und Zustände sich nicht oder nur sehr langsam verändern.

In unseren Schulen (ebenso wie in vielen Unternehmen) herrscht viel Frust, Langeweile und Traurigkeit. Viele sind bereits krank, ausgebrannt, desillusioniert. Sie haben längst aufgehört an das zu glauben, was ihnen einmal wert und wichtig war. Dinge werden mechanisch gelernt (und gelehrt) und ausgeführt, ohne darin einen Sinn zu sehen. Es fehlt an Praxisbezug. Wissensvermittlung ohne Transfer.

Und gerade hier, wo unsere Zukunftsträger* heranreifen und für das Leben da draußen fit gemacht werden sollen, sollte doch eigentlich ein Klima der Zuversicht, der Sinnhaftigkeit und der Perspektive vermittelt werden. 
Der Glaube an die Macht der eigenen Möglichkeiten. 

Für den Klimaschutz, für unsere Umwelt, unseren Lebensraum und gegen seine voranschreitende Zerstörung zu demonstrieren, gemeinsam, gibt jungen Menschen weltweit eben dieses Sinnstiftende, das Verbindende, den Funken, der einen Flächenbrand auslösen kann.

Dafür lohnt es sich, zu arbeiten und zu kämpfen.
Das Ziel ist (be)greifbar, nachvollziehbar, und es ist existenziell.

Die Kinder und Jugendlichen wachsen und lernen dabei, der Begriff „Demokratie“ wird mit Inhalten gefüllt, Politik wird erlebbar, man kommuniziert auf unterschiedlichen Ebenen, lernt Verhaltensregeln und Gesetze kennen u.v.m., und wir wollen nicht vergessen: man ist an der frischen Luft, draußen, bei Wind und Regen, statt mit krummem Rücken stumpf vor der Konsole oder dem Handy zu hocken.

Das ist praxisbezogenes Lernen, das ist Schule, wie sie meines Erachtens sein sollte. 
Schule, die Schülern* etwas zutraut, ihnen Entfaltung und Kreativität ermöglicht und sie wachsen lässt.
Schule, die Interesse weckt, die begeistert, ansteckt und jedem Einzelnen die Chance gibt, sich auf seine Weise einzubringen für etwas, das ihm einen Sinn gibt.

Das, was ihr Kritiker da draußen seht, ist ein Lehrstück! 
Lernt doch bitte daraus anstatt zu nörgeln.
Glaubt doch einfach einmal an unsere jungen Menschen, auch ohne Noten!

Ich habe vorgestern sehr junge Grundschüler* und bereits volljährige Studenten* gesehen, ich habe so unfassbar viel Kreativität und Tiefe in den selbstgefertigten Plakaten wahrgenommen, habe intelligente Slogans gehört, und all das hat mich nachhaltig davon überzeugt, dass dort tolle junge Menschen unterwegs sind, die ein irrsinniges Potenzial haben! 
Diesen Menschen ist Zukunft zuzutrauen und anzuvertrauen!

Also bitte, hört endlich auf, die streikenden Schüler* lediglich als tumbe Schulschwänzer* zu diffamieren.
Hört auf, ihnen die Anerkennung zu verwehren, die ihnen zusteht.
Hört auf, unsere Jugend dafür zu kritisieren, dass sie freitags demonstriert für etwas, das uns alle angeht, und das ihr und uns so viel mehr im Leben geben kann als ein paar versäumte Mathestunden:

LUFT ZUM ATMEN!

Greta Thunberg wurde inzwischen für den Friedensnobelpreis nominiert, und ihr mutiges Engagement findet immer mehr weltweite Anerkennung.

Geben wir ihren Followern doch bitte auch die verdienten Likes statt sie weiterhin zu dissen.


Eine kleine Randnotiz hätte ich noch:

Während wir Demonstranten dicht an dicht durch die Straßen Düsseldorfs marschierten (und wir waren wirklich sehr viele), mussten wir zwischendurch Einsatzfahrzeugen von Polizei und Feuerwehr Platz machen, und was soll ich sagen:
Es funktionierte GROSSARTIG! 

Alle Demonstranten* wichen in Windeseile zu den Seiten aus und bildeten eine Gasse wie sie im Buche steht.

Nachahmenswert. 
Vorbildlich. 


Foto: ich



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