Burn Out im Coaching oder „Danke, mir geht´s gut."



GEHT SCHON, DANKE!


Kennt ihr das? 

Man trifft jemanden und fragt „Na, wie geht´s so?“
In den meisten Fällen verlaufen solche Unterhaltungen so oder so ähnlich:

 „Ach ja, ganz gut, das Übliche halt. Arbeit, Stress, aber sonst…alles OK. Und bei dir?“
„Ja auch, das Übliche halt. Bisschen Magen mal wieder, aber alles gut. Läuft.“

Ich persönlich habe noch nie jemanden getroffen, der gesagt hat „Och nee, du, alles ganz schlimm,  mir wird alles zu viel, ich schaffe das alles nicht mehr, ich fühle mich krank und irgendwie so, als wäre ich gar nicht mehr da.“

Dabei bin ich sicher, dass es vielen genau so geht.

Nur reden darüber…nein, das tut man in den meisten Fällen nicht. Jedenfalls nicht ernsthaft.
Zum einen will man ja nicht als jammerndes Weichei gelten…Stress haben ja schließlich alle und es ist ja nicht sowas wie Krebs.
Andererseits weiß der andere dann auch gar nicht, was er darauf erwidern soll, und man will niemanden in Verlegenheit bringen.

Es ist schon seltsam.

Obwohl wir in den letzten Jahren deutlich sensibler für Stress und Gesundheitsthemen geworden sind, Yoga heute quasi wie Joggen ist und die Zeitschriftenregale nur so bersten vor Magazinen, die sich den Themen Entspannung, Achtsamkeit und Ausgleich widmen, scheint Stress, Burn Out und die damit einhergehenden Beschwerden nach wie vor einen schweren Stand in der gesellschaftlichen Akzeptanz zu haben.

Krebs, Alzheimer, ja…das ist sowas Griffiges, da kann jeder was mit anfangen, und automatisch empfindet man Mitleid. 
Stress hingegen…das hat heute quasi jeder, ist deshalb also nix Besonderes.
Mitleid mit einem Stressgeplagten zu haben, das hieße ja auch irgendwie, Mitleid mit sich selbst haben...aber das ist ein anderes Thema, über das wir hier auch noch sprechen werden.


In der Beratung meiner Mandant*en treffe ich – speziell bei Frauen - besonders häufig auf die immer gleichen Beschwerdebilder und Autoimmunerkrankungen.

Nun bin ich kein Arzt, jedoch lassen sich in der Anamnese für mich als erfahrene Außenstehende sehr häufig gewisse Korrelationen erahnen, die jedoch von den Betroffenen selbst bislang scheinbar noch nie so deutlich wahrgenommen wurden.

So erzählt zum Beispiel die rheumageplagte Mandantin, dass sie bis zum Jahr XY vollkommen beschwerdefrei war.
Danach gefragt, ob in besagtem Jahr möglicherweise etwas Besonderes vorgefallen sei, ist die spontane Antwort häufig „nein“. 

Hinterfragt man weiter, stellt sich in ca. 8 von 10 Fällen heraus, dass in engem zeitlichem Zusammenhang entweder eine konkrete Zäsur oder eine Dauerbelastung stattgefunden hat. Dies kann beispielsweise eine Trennung, eine Versetzung oder aber die Pflege eines nahen Angehörigen sein. Manchmal ist es auch nur eine geringfügige Veränderung einer jahrzehntelangen Gewohnheit.

All diese Situationen nehmen die meisten nicht wirklich als Angriff, als Bedrohung auf ihren Körper, sondern als heutzutage völlig normale Ereignisse wahr, mit denen man sich halt zurechtzufinden hat.

Fakt ist jedoch, sie stellen einen enormen Stress dar.

Und zwar zusätzlich zum ganz „normalen“ Alltagsstress, dem heute nahezu jeder, teils bereits im Kindesalter, ausgesetzt ist.

Stress ist die Hauptursache für eine Reihe von Erkrankungen und Funktionsstörungen unserer Zeit, eine davon - wenn man so will die Totaleskalation -  ist der „Burn Out“, ein Zustand völliger geistiger und körperlicher Erschöpfung, dem eine anhaltende massive Belastung vorangegangen ist.

To "burn out" bedeutet ausbrennen.
Auf eine Flamme bezogen, ist diese im Zustand des Burn Outs erloschen.
Aus.

Fast jeder hat schon einmal davon gehört, zahlreiche und immer mehr Menschen sind davon betroffen, und lange Zeit galt ein Burn Out als eine Art Modeerscheinung, die anfangs nicht immer so recht ernst genommen wurde. 

Nun hat nicht jeder, der gestresst ist, gleich einen Burn Out.
Das Problem ist vielmehr, dass der Weg bis zum Burn Out zwar häufig bereits durch signifikante Symptome gekennzeichnet ist, jedoch ohne nennenswerte Konsequenzen verläuft.

Eine BKK-Studie aus dem Jahr 2018 ergab, dass neun von zehn Deutschen von ihrer Arbeit gestresst sind, jeder Zweite glaubt, von Burn Out bedroht zu sein, sechs von zehn Befragten gaben an, zumindest hin und wieder unter anhaltender Erschöpfung, innerer Anspannung und Rückenschmerzen zu leiden – einige von vielen Symptomen bei Stress.
Die Forschung bringt den Burn Out mit einer dauerhaft hohen Belastung in allen Lebensbereichen (Arbeit und Privatleben) in Verbindung, wobei Frauen signifikant höher betroffen sind als Männer.

Was genau ist aber ein "Burn Out", woran erkenne ich ihn und was kann ich dagegen tun?

Ein Burn Out kommt nicht über Nacht.
Es handelt sich vielmehr um einen schleichenden, aber kontinuierlichen Prozess, ausgelöst durch anhaltende oder extreme Anspannung, die über ein „Normalmaß“ hinaus geht und dem keine ausreichenden Entspannungsphasen entgegengesetzt werden. 
Man steht unter Stress.

Was geschieht nun in knappen Worten in unserem Körper, wenn wir unter Stress stehen?

Bei Stress erhält unser Frontalhirn Signale von unseren Sinnesorganen (Augen, Ohren etc.)
und von dort wird eine Stressreaktion ausgelöst. Diese sorgt dafür, dass Signale an das zentrale Nervensystem gesendet werden, welches wiederum Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausschüttet.
Die Folgen sind z.B. ein beschleunigter Herzschlag, steigender Blutdruck, angespannte Muskulatur.

Stehen wir sehr stark bzw. dauerhaft unter Stress, sendet unser Gehirn also kontinuierlich Signale ans Nervensystem, und es werden immer mehr Stresshormone ausgeschüttet. Der Blutdruck und Puls ist dauerhaft erhöht. Der Stresszustand verstärkt sich immer mehr und blockiert schließlich unseren Organismus. 

Unser Stresssystem ist uralt und diente einst dem puren Überleben.

Näherte sich uns ein Säbelzahntiger, gerieten wir in einen Zustand totaler Anspannung, Stresshormone wurden ausgeschüttet, unsere Systeme fokussierten sich auf überlebensnotwendige Elementarfunktionen, und unsere Gedanken beinhalteten lediglich zwei Optionen: Angriff oder Flucht. 
Sobald die Gefahr dann vorüber war, normalisierten sich die körperlichen Prozesse wieder, und wir konnten wieder entspannen.
Dieses Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung (Sympathikus = Antreiber und Parasympathikus = Entspanner) stellt an sich keine Bedrohung dar, sondern ist ein ausgeklügeltes Schutz-System, das so in dieser Form schon zu Urzeiten quasi perfekt funktionierte.

Heute jedoch, wo wir nahezu permanent unter Zeitdruck und multiplem Anforderungsdruck stehen, Termine drängen, wir zwischen Familie und Job ständig hin- und herflitzen und auch in unserer wenigen Freizeit Aufgaben von der To Do Liste erledigen und uns nicht wirklich ausreichend entspannen, gepaart mit der permanenten Informationsflut sowie Erreichbarkeit des digitalen Zeitalters, ist das, was uns einst gerettet hat, eine Bedrohung, die uns krank machen oder gar töten kann.

Tatsächlich gibt es noch sehr viel mehr hochkomplexe Reaktionen des Körpers auf Stress als die Ausschüttung von Stresshormonen, die allesamt dem Zweck der Verteidigung oder Flucht dienten, sich heute allerdings zunehmend gegen uns selbst richten, weil die Umstände eben nicht mehr so sind wie sie mal waren.

Stellen wir uns unseren Körper im Kontext Stress wie ein Auto mit Gaspedal und Bremse vor, so ist der Fahrer unser Limbisches System, wo zum einen der Gefahrenwächter (Amygdala) und der Beruhiger (Hippocampus) sitzen. Die Amygdala, ein in der Hirnentwicklung uraltes Zentrum, das alle weiterentwickelten Lebewesen besitzen, kontrolliert die Außenreize, die auf uns einwirken, und analysiert sie auf ihren Gefahrenwert.

Ein Knall, ein Blitz, aber auch ein ängstlicher Gedanke stellen beispielsweise solche Außenreize dar.

Während wir früher irgendwo ängstlich warteten und uns fragten, ob der bedrohliche Säbelzahntiger noch da ist, grübeln wir heute zum Beispiel über unseren Arbeitsplatz, die komische Bemerkung, die unser Chef gestern gemacht hat (was wollte er uns damit sagen?), den anstehenden Kindergeburtstag, die kranke Mutter usw. usw.

In solchen Momenten greift unser Gehirn gerne auf Erfahrungswerte zurück.
Gibt es positive = wirksame Erdfahrungswerte, können wir wieder entspannen.
Das Warnsystem gibt den Anstoß, die bekannten Mechanismen greifen, und man kehrt wieder in den Normalzustand zurück.

Vereinfacht sah eine solche Funktionskette früher so aus:
Säbelzahntiger = weglaufen = überleben = funktioniert = gerettet = wieder entspannen

Bleiben solche „rettenden“ funktionierenden Mechanismen jedoch aus, und wir können die "Bedrohung" nicht unmittelbar abstellen, entsteht eine Art Überreizung oder Überlastung, was zu einer Verstärkung führt. 

Chef & Arbeitsplatz & Angst vor Arbeitsplatzverlust = Leistungsdruck = viel arbeiten, kaum Privatleben  = Panik & Stress = weglaufen geht nicht = Panik & Stress = Panik & Stress = noch mehr Panik & Stress = noch mehr Panik & Stress ….

Der Fokus wird somit schärfer auf Gefahr eingestellt, und auch ursprünglich neutrale Situationen werden schneller als belastend und bedrohlich eingeschätzt. 
Die entlastende Entwarnung bleibt aus, der Anspannung steht keine Entspannung mehr gegenüber.

Es entsteht ein chronischer Alarmzustand, eine Art Panikkreislauf, der unseren Körper in kontinuierlichen Stresszustand versetzt, was zur Folge hat, dass dauerhaft Adrenalin ausgeschüttet wird, der Herzschlag sich beschleunigt und der Blutdruck sich erhöht, unsere Muskeln erhalten mehr Sauerstoff und Insulin (diente einst dem Angriff oder Weglaufen), wohingegen Verdauung und Sexualität heruntergefahren werden (störte bei der Verteidigung).

Die gesamte Konzentration wird auf die bedrohliche Situation ausgerichtet, gemeinhin zu Beispiel als „Dauergrübeln“ bekannt, gerne in Begleitung von Schlafstörungen *), die sich „hervorragend ergänzen“ – Ironie aus.

Kurz: Der „Säbelzahntiger“ von heute bleibt heutzutage dauerhaft da, wir können ihm nicht mehr einfach davon laufen oder ihm eine über die Rübe ziehen, um danach wieder zu entspannen, sondern wir begegnen ihm immer häufiger in unterschiedlichen Formen und Gestalten (Situationen, Personen, Dinge) und nehmen ihn quasi überall hin mit, häufig ohne dass ein angemessener und ausreichender physischer und emotionaler Ausgleich gegeben ist, was schrittweise zu einem Zusammenbruch des Systems führt.

Frühwarnzeichen nehmen wir wohl wahr, jedoch nicht ernst genug.

Überhaupt ist man weitgehend auf „funktionieren“ getrimmt.

Schlafstörungen, chronische Verspannungen, Konzentrationsmangel, Verdauungsbeschwerden, Antriebslosigkeit, Herzrasen oder  -stolpern oder Libidoverlust ohne erkennbare organische Ursachen sind nur einige von zahlreichen Anzeichen, dass etwas aus dem Gleichgewicht gerät.

Stellt euch einen Dampfkochtopf vor. Verschließen wir das Ventil, sucht er sich einen Weg, den Dampf abzulassen. Findet er keinen, fliegt uns alles um die Ohren.

Der Körper versucht auf den nicht abgelassenen Dampf aufmerksam zu machen und sendet Signale wie Verdauungsstörungen, Herzrasen usw..
Gehen wir darauf nicht ein und machen unverändert weiter, schickt er noch mehr Signale, und schließlich kollabiert das gesamte System eines Tages und fliegt uns um die Ohren.

Burn Out. 
Nix geht mehr.

Manchmal liegt der Keim für einen späteren Burn Out bereits Jahre oder gar Jahrzehnte zurück, und schaue ich mir unser Bildungssystem an, das nahezu ausschließlich auf Leistung / Leistungsvergleich und somit bereits Kinder massiv unter Druck setzt, verwundert es nicht, dass immer mehr Jugendliche unter Beschwerdebildern, ausgelöst durch Stress leiden.

Es gibt heutzutage bereits fünfzehnjährige Patienten in  Burn Out-Therapien.

Höchste Zeit, umzudenken und aus dem System heraus mit vielen kleinen Veränderungen und Widerständen das große Ganze zu verändern.

Wir lesen gerne Zeitschriften über "Happiness" und erfreuen uns an "Hygge", aber das allein entlastet unsere Systeme noch nicht.

Es ist ja auch - zugegeben - nicht leicht, sein gut eingespieltes Leben mal eben so dahingehend zu verändern, dass man alle Stressquellen auf ein Minimum reduziert oder sie gar ausschaltet oder schlicht mehr Zeit in purer Entspannung verbringt.

Aber es geht.

Viele kleine Veränderungen bewirken nach und nach eine große Veränderung.

Wie, das könnt ihr  in den nächsten Monaten hier oder in einem meiner Seminare erfahren.

Bis bald!




Foto: istock

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