NEUANFANG
Nachdem ich mich in den vergangenen Tagen der Kontemplation und dem Loslassen gewidmet habe, soll es heute, am Ostermontag, um den Neuanfang gehen, da ich der Meinung bin, dass dies perfekt in die Zeit passt.
Zu Ostern und zu der Krise, in der sich die Welt gerade befindet.
Einem Neuanfang geht in der Regel eine Krise voraus. Eine Zäsur. Ein Bruch. Ein Ende.
Man fängt von vorn an.
Alles neu.
Alles auf Anfang.
Während man so vor sich hin lebt, bewegt man sich in gewohnten Bahnen und Mustern, die Tage wiederholen sich, man lebt im ständig gleichen Rhythmus, Beziehungen und Abhängigkeiten haben sich eingeschliffen, Prozesse, Strukturen, Business as usual….
Das meiste in unserem Leben geschieht, ohne dass wir viel darüber nachdenken.
Es ist eben so, und wir haben uns daran gewöhnt und uns darin eingerichtet.
Bei denjenigen, DIE darüber nachdenken, sieht das dann häufig so aus:
„Hätte ich doch…“, ‚Wäre ich doch…“, „Könnte ich doch…“
Konjunktivdenken.
Wirklich ändern wollen die meisten aber eigentlich nichts, denn Veränderung ist etwas, das nicht leicht ist.
Und dabei ist unerheblich, ob es sich um Multimillionäre oder Obdachlose handelt.
Veränderung ist sehr häufig etwas, das - wenn überhaupt - nur in unserer Fantasie vorkommt.
Denn aus einer vermeintlich bequemen, gewohnten Situation heraus, wo alles läuft und man sich relativ wenig Gedanken machen muss, wo alles seinen Platz und seine Zeit hat, erscheint Veränderung nun einmal als die unbequemere, die unangenehmere Wahl.
Selbst wenn die Wurst am Ende der Stange baumelt, der Weg dahin ist ja so beschwerlich, und wer weiß, ob wir bis dahin überhaupt durchhalten.
Dann doch lieber beim Gewohnten bleiben und allenfalls im Konjunktiv über etwas anderes sinnieren.
Da wissen wir wenigstens, woran wir sind, können unsere Kräfte einschätzen und wissen, was uns erwartet.
Ein plötzlicher Bruch mit dem Gewohnten, eine Krise, ein Ende ist in den meisten Fällen etwas, das wir nicht bewusst und willentlich herbeigeführt haben, sondern in das wir ohne Vorwarnung hinein geraten sind.
Und plötzlich sind wir gezwungen, etwas anders zu machen, weil es schlicht nicht anders geht.
Erst einmal hadern, zaudern, sträuben wir uns, wollen verharren.
Wir wollen, dass man uns sagt, was zu tun ist.
Aber irgendwann müssen wir einsehen, dass es nur weitergehen kann, wenn WIR weiter gehen.
Aufstehen, denn Schmutz abschütteln, loslassen, orientieren, planen, laufen.
Und plötzlich stellen wir fest, dass so viel mehr möglich ist, so viel mehr in uns steckt, so viel mehr auf uns wartet als wir glaubten, als wir noch in unseren alten Strukturen fest steckten.
Ist man bereit für einen Neuanfang, sind dem in der Regel Täler und Berge unterschiedlicher Emotionen, Fragen und Überlegungen voraus gegangen. Man hat einiges an Vorarbeit geleistet. Dennoch bleiben Unsicherheiten, und natürlich hinterlassen Krisen, Zäsuren, tiefgreifende Ereignisse ihre Spuren. Wir erinnern uns an sie und tragen die unterschwellige Angst in uns, so etwas noch einmal erleben, durchleben zu müssen.
Das führt dazu, dass der Wunsch, dahin zurück zu gehen, wo wir herkamen, zuweilen die Oberhand gewinnt, denn da kannten wir uns doch so gut aus.
Aber wollen wir das wirklich?
Es gibt keine Glaskugel und niemanden, der einem garantieren kann, dass man nie wieder in eine Krise gerät.
Aber es gibt die Gewissheit, dass wir eine Krise meistern können, dass wir noch einmal starten können, einen völlig neuen Weg eingehen können, obwohl wir einst der festen Überzeugung waren, dass dies niemals möglich sein kann.
Neuanfang bedeutet nicht, dass man auf einen Schlag den höchstmöglichen Berg erklimmen muss, ohne Sauerstoffgerät und Sherpas.
Es bedeutet, ein Ziel ins Auge zu fassen.
Das (neu) zu definieren, was einen wichtig ist und zu schauen, was davon wir wie und in welcher Zeit erreichen können.
Mit wessen Hilfe schaffen wir es?
Mit welchen Mitteln?
Auf welchem Weg?
Welche Hürden könnten uns erwarten?
Früher, als es noch keine Navis gab, hat man zu Hause mit Stift und Karte eine Route geplant, bevor man in den Urlaub gefahren ist.
Das war schön, weil man sich im Geiste gewissermaßen schon auf die Reise begeben hat.
Man zeichnete seinen Weg auf der Karte ein und entdeckte dabei bereits vieles, das einem begegnen würde.
Und man hatte ein gutes Gefühl, wenn man sich auf den Weg machte, denn man fühlte sich gut vorbereitet.
Man hatte ein wohliges Kribbeln aus Aufregung und Vorfreude und Sicherheit.
Diese Sicherheit entstand daraus, dass wir wussten, WIR hatten uns vorbereitet.
Wir hatten geplant.
Wir wussten weitgehend, was uns erwartet.
Wir hatten es überwiegend in der Hand.
Und ich glaube, dass uns das durch die ganze Technik, die uns umgibt, ein Stück weit verloren gegangen ist.
Das Vertrauen auf uns und unsere Fähigkeiten.
Ebenso die Geduld. Weil heute alles quasi sofort erhältlich ist.
Dinge, Wissen, Unterhaltung.
Wir müssen uns minnt mehr um allzu viel selbst kümmern.
Wir haben viel an Verantwortung, Planen und Vorausschauen abgegeben an Technik, an Algorithmen.
Und natürlich an diejenigen, die wir gewählt haben.
Und vielleicht ist es auch das, was es umso schwieriger macht, einen Neuanfang zu wagen.
Unser Verlust an den Glauben an uns uns das, was wir erreichen können, wenn wir es selbst anpacken.
Aber es waren WIR, die all das erfunden haben, die all das entwickelt haben, die all das verantworten.
Also können nur WIR die Dinge in die Hand nehmen, um etwas zu ändern.
Für einen Neuanfang.



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