Kontemplation
Als Kontemplation bezeichnet man ein „konzentriert-beschauliches Nachdenken und geistiges Sich-Versenken in etwas“ bzw. die „innere Sammlung und religiöse Betrachtung bzw. Versenkung“. Im religiösen Sinne ist Kontemplation in etwa der Mediation oder dem Gebet gleichzusetzen.
Schon länger kann man hierzulande einen regelrechten Boom in Sachen Meditation um Achtsamkeit erleben, eine Achtsamkeit-Industrie ist quasi entstanden.
Und es ist nur verständlich, dass wir uns im schnellen 21. Jahrhundert, das uns von früh bis spät mit schnell wechselnden Bildern, Filmchen, Nachrichten und Trends auf Trab hält, das uns mehr und immer mehr abverlangt, das unseren Puls hochschnellen und unseren Atem flach werden lässt, und in dem es vor allem um permanente (Selbst-)Optimierung geht, nach Momenten der Ruhe sehnen.
Nach Momenten, in denen es nur um eben den Moment geht.
Um das Einatmen und Ausatmen.
Pause.
Ruhe.
Leider geht es dabei sehr häufig trotz allem eher um Output, Bereicherung als um echte Besinnung und Transzendenz.
Gerade erleben wir eine Art Zwangs-Pause.
Corona hat sehr viele von uns ins traute Heim verbannt, wo wir nun die überwiegende Zeit unserer Tage und Nächte entweder mit unseren Lieben oder allein verbringen.
Hat man Menschen vor Corona gefragt, was sie sich in ihrem eng getakteten Alltag wünschten, hätten vermutlich sehr viele gesagt, „Mehr Zeit mit meinen Kindern / der Familie, mehr Zeit für mich, Zeit für Hobbies“. usw.
Liest man nun in den Sozialen Medien und Foren, finden sich reihenweise Kommentare wie „Ich halte das nicht mehr lange aus, meine Kinder stressen so, mir ist langweilig, macht die Schulen auf, ich will zu meiner Arbeit…“ usw.
Möglicherweise sind dies nicht dieselben Menschen, die noch vor kurzem nach genau der Zeit, die sie nun haben, gerufen haben.
Und selbstverständlich ist es für viele eine immense Belastung.
Die einen so, die anderen so.
Aber was uns aktuell alle eint, ist das Virus und die damit einher gehenden Folgen.
Die mögen für jeden einzelnen mehr oder weniger schwer zu ertragen zu sein.
Aber ich glaube, dass wir ALLE die einmalige Chance der echten Kontemplation haben.
Momentan ist viel Aktionismus zu beobachten. Viele Hilfsangebote entstehen, Menschen nähen Schutzmasken, stellen Angebote ins Netz, Politiker und Wissenschaftler arbeiten rund um die Uhr (und viele andere auch), um die Lage stabil zu halten, bestmöglich informiert zu sein und der Krise unter Berücksichtigung vieler Faktoren angemessen begegnen zu können.
Das alles ist gut und wichtig sind zeugt vielerorts von echter Solidarität.
Andere wittern ein Geschäft.
Aber das alles ist mehr oder weniger vor allem dahin ausgerichtet, den Zustand von vorher zu erreichen, zumindest den Weg dahin so einfach oder /und angenehm wie möglich zu machen.
Was ich persönlich bei alledem vermisse, sind mehr Ideen und Impulse hinsichtlich einer nachhaltigen Veränderung.
Und damit meine ich nicht die zwangsläufig durch Corona herbeigeführten Veränderungen, denen wir nun eine Weile ausgesetzt sein werden. Ich meine damit, dass wir alle auch die einmalige Gelegenheit haben, unser aller Leben, unsere Schwerpunkte, unsere Ziele und Motive, unser Handeln, unser Denken und unser Miteinander zu überdenken.
Gewiss, es gibt sie, die Menschen, die sich in dieser „Zwangspause“ sehr intensiv mit sich und der Welt auseinander setzen und die eine Gelegenheit sehen, unsere schnelllebige global vernetzte Welt einmal auf den Prüfstand zu stellen und Steine ins Rollen zu bringen.
Das sind für gewöhnlich die, die es auch sonst tun, schätze ich.
Die meisten, so scheint es, versuchen jedoch, ihr bisheriges Leben um jeden Preis aufrecht zu erhalten.
Und das meine ich nicht existenziell. Natürlich wollen wir alle überleben.
Twitter, Instagram und Facebook explodieren förmlich, ebenso Skype, FaceTime und Whats App.
Der Mensch ist ein soziales Wesen, und natürlich ist es nachvollziehbar, dass man den Kontakt sucht, um nicht der totalen Isolation ausgesetzt zu sein.
Für viele ist es gerade eine sehr, sehr schwere oder gar gefährliche Zeit.
Soziale Kontakte sind und bleiben enorm wichtig. Daran besteht kein Zweifel.
Was ich jedoch beobachte ist, dass sehr viele versuchen, ihr gewohntes Leben nun 1:1 in die virtuelle Welt zu übertragen.
Sie wollen irgendwie, dass es sich zumindest so anfühlt wie vorher, und zwar so lange, bis es eben wieder tatsächlich so wie vorher ist.
Und ich wette, nicht wenige von ihnen haben vorher sehr häufig geflucht und sich nach Veränderung gesehnt.
Aber nun, da sie primär auf sich selbst zurückgeworfen sind, wollen sie, dass alles so ist wie vorher.
Die Macht der Gewohnheit.
Aus der Not heraus entstehen durchaus hier und da Veränderungen. Einige erfinden sich gerade neu und legen eine nie geahnte Kreativität und Flexibilität an den Tag. Trauen sich etwas.
Das sind aber gefühlt eher die wenigsten.
Der Mehrheit, das ist zumindest mein Eindruck, geht es darum, dass alles ganz schnell wieder so ist wie vorher.
Aber ist das wirklich erstrebenswert?
Hat uns all das nicht exakt da hin gebracht, wo wir gerade stehen?
Und leiden gerade nicht ganz besonders diejenigen unter der Krise, die auch sonst schon die Schwächsten und Ärmsten sind?
Wollen wir weiterhin ein System, das darauf gründet, dass wenige Reiche die Armen ausbeuten, um die breite Masse zu ernähren und ruhig zu stellen?
Wollen wir mit unserem Verhalten weiterhin Ausbeutung, Unterdrückung, Gewaltregimes und Verschmutzung unterstützen und tolerieren?
Brauchen wir den noch größeren Fernseher, die 500. Klamotte im Schrank, die noch weitere Reise, jeden Tag Fleisch?
Oder erleben wir gerade, was wir eigentlich WIRKLICH brauchen? Was uns gerade am meisten fehlt?
Was unser Leben wirklich lebenswert macht? Was wir am schmerzlichsten vermissen?
Menschen, Kultur, Bewegung, Freiheit?
Es geht nicht darum, alles auf den Kopf zu stellen und ins 19. Jahrhundert zurück zu kehren.
Es geht um ein Maß der Dinge.
Um Relativierung.
Es geht um Achtsamkeit. Mit uns und mit anderen.
Es geht um Kontemplation.
Es geht um Kontemplation.
Darum, in uns zu gehen. Uns zu versenken.
Über das, was uns bislang antreibt.
Über das, was uns hier hin gebracht hat.
Über das, was uns gerade am meisten fehlt.
Über das, was für gewöhnlich zu kurz kommt.
Über das, was unwichtig scheint.
Über das, was uns wichtig ist.
Über das, was wir gerade lernen.
Über das, was wir gerade sehen, hören.
Über das, was wir fühlen.
Über uns.
Vielleicht erleben wir gerade eine einmalige Chance, die so schnell - hoffentlich - nicht noch einmal kommt.
Die Chance, unser Leben und das derer, die nach uns kommen, nachhaltig zu ändern.
All das, was unserem Lebensraum, unserer Gesundheit und vielen Menschen nachweislich schadet.
All das, wovon nur die wenigsten wirklich profitieren.
Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt 40 % des Weltvermögens, die reichsten 10 % besitzen zusammen 85 %.
Die ärmeren 50 % besitzen 1 %.
Es geht nicht primär um Geld.
Es geht um Gerechtigkeit, Ungleichgewicht und Menschlichkeit.
Um Sinn und Sinnhaftigkeit.
Um Werte.
Um Zukunft.
Kontemplation.
Wir alle können diese Zeit nutzen, um nachzudenken.
In uns zu gehen.
Uns zu versenken.
Es wäre schön, wenn Corona nicht nur wie ein Geburtsschmerz wäre.
Bei einer Geburt macht das durchaus Sinn.
Bringt eine Frau ein Kind zur Welt, ist es nämlich sehr häufig so, dass die werdende Mutter, während sie das Baby unter Schmerzen, schreiend und fluchend zur Welt bringt, denkt: „Nie, nie wieder!“
Und kaum, dass der kleine Mensch in ihren Armen liegt, ist all das sehr schnell wieder vergessen.



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