Loslassen
Jemanden oder etwas loszulassen, kann so schwer sein.
Es gibt Situationen, da fühlt es sich an, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen.
Man verliert die Kontrolle über das, was man bisher als sein Leben kannte, was einem vertraut und wichtig war, was einen antrieb und ein Gefühl der Sicherheit vermittelte. Plötzlich und unerwartet passiert etwas, das den sicheren Rahmen, in dem man sich vermeintlich frei bewegt, zerstört.
Man verliert den Halt, glaubt zu fallen, immer weiter, und am liebsten würde man einfach die Reset-Taste drücken, und alles wäre so wie vorher.
Eine Krankheit, eine Trennung, ein Verlust…diese und andere Ereignisse bringen Chaos in unsere geordnete kleine Welt, in unser System, und auf einmal sehen wir uns schier unlösbaren Aufgaben gegenüber. Wir sehnen uns nach einem Ende. Einem Termin, einem Stichtag, an dem das endlich aufhören wird.
Tränen, Kummer, Ratlosigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Fragen, Ungewissheit.
Nicht zu wissen, wie es weitergeht, macht Angst.
Angst lähmt, und wir denken, wir schaffen es nicht.
Wir wissen eigentlich, dass unsere gefühlte Sicherheit im Alltag trügerisch ist, und dennoch glauben wir fest daran, dass es uns schon nicht treffen wird.
Das ist auch gut so.
Wir schließen Versicherungen für dieses oder jenes ab und versuchen, unser und das Leben unserer Liebsten so gut es geht zu schützen. Wir gehen nicht über Rot, schnallen uns im Auto an, springen nicht aus zu größer Höhe oder in unbekannte Gewässer, gehen zur Vorsorgeuntersuchung, ziehen uns ihm Winter warm an und schützen unsere Haut im Sommer mit Sonnenschutzmitteln.
Wir machen Pläne für morgen, den Sommer und die nächsten Jahre.
Und wir tun, was wir können, damit nichts passiert, das unsere Pläne durchkreuzen und unsere Welt ins Wanken bringen könnte.
Wir haben gern die Kontrolle über unser Leben.
Und doch bleibt da immer ein Restrisiko, ein Bereich, den wir nicht kontrollierten können.
Das sind zum einen unsere Mitmenschen und ihr Verhalten, zum anderen ist es das, was wir gemeinhin „Schicksal“ nennen.
Und manch einer glaubt an Gott, der unser Leben lenkt.
Wenn wir an Schicksalsschläge, Traumata und Krisen denken, fallen uns für gewöhnlich zuerst Unfälle, Krebs und Naturkatastrophen, vielleicht noch ein Börsencrash ein.
Wohl kaum einer dachte noch vor wenigen Wochen, dass unser aller Leben durch ein Virus derart durchgeschüttelt werden würde, dass wir nicht einmal mehr bis zum nächsten Monat planen können. Und fast alle haben wir wohl anfänglich noch geglaubt oder zumindest gehofft, dass es schon nicht so schlimm sein würde. China war weit weg, und naja, es handelte sich um ein Virus….wie die Grippe.
Was dann passierte, überraschte einige sicher nicht wirklich, aber wir alle wollten es einfach nicht wahr haben.
Und unser gewohntes Leben einfach so lange wie möglich aufrecht erhalten.
Wenn wir ganz ehrlich sind, hätten wir es eigentlich besser wissen können und müssen.
Jeder von uns.
China ist heutzutage nicht mehr wirklich weit weg, sondern - wie eigentlich jedes Land - nur ein paar Flugstunden entfernt.
Und dass Viren vom Tier auf Menschen überspringen können, war uns auch nicht mehr neu.
Dass Menschen Viren auf die eine oder andere Art auf andere Menschen übertragen, ebenfalls nicht.
Wir alle wussten also eigentlich, dass ein Virus in der heutigen Zeit keinerlei geographische Grenzen mehr kennt und es keine Monate dauert, bis er sich rund um Globus verteilt haben kann.
Kurz: wir wussten es. Oder ahnten es zumindest. Alle.
Eigentlich.
„Uneigentlich“ hoffte jeder jedoch darauf, dass das Ganze nur ein Irrtum sei, doch nicht so schlimm sei wie man hörte oder der Kelch einfach auf wundersame Weise an uns vorbei gehen würde. So wie wir eben für gewöhnlich mit dem Restrisiko umgehen, das als große Unbekannte über unser aller Leben schwebt.
Aber diesmal kam es anders.
Jetzt haben wir die Situation, in der wir sind.
Wir mussten und müssen uns damit abfinden.
Wir haben kaum eine andere Wahl, auch wenn der eine oder andere sich gerne über empfohlene oder angeordnete Restriktionen hinwegsetzt.
Der Zustand, den wir aktuell haben, währt hierzulande gerade einmal wenige Wochen, und schon werden allerorts Stimmen laut, die nach einer Rückkehr zum vorherigen Zustand verlangen. Für den Weg dahin gibt es bereits viele unterschiedliche Ansätze, Hauptsache, alles wird wieder so wie es war, und das so schnell wie möglich.
Das ist menschlich - und auch wirtschaftlich durchaus nachvollziehbar.
Viele sehen ihre Existenz den Bach runtergehen, ihren materiellen Wohlstand schwinden.
Die deutsche Regierung hat beschlossen, dem Coronavirus weitgehend mit Maßnahmen, basierend auf der Freiwilligkeit der Bevölkerung zu reagieren. Sehr viele folgen dem auch seitdem und tun alles, was in ihrer Macht steht, um sich und andere zu schützen und so zur Verbesserung für die Allgemeinheit beizutragen.
Andere fühlen sich eingeengt und ihrer demokratischen Grundrechte und Freiheiten beraubt. Sie beharren darauf, so zu leben wie immer.
Ohne Rücksicht auf die aktuelle Situation oder ihre Mitmenschen.
Gerade las ich einen Beitrag darüber, dass sich Reisende an der niederländischen Grenze nicht von der dortigen Polizei zum Umkehren bewegen ließen und auf ihre Ausflüge an die Nordsee bestanden.
Sie beharren auf ihre Freiheit. Darauf, sich zu nehmen, was sie wollen.
No matter what.
So wie sie es in einem freiheitlich demokratischen Land gewohnt sind.
Freiheit.
Aber betrachten wir uns das mal etwas genauer.
Freiheit….wie frei sind wir wirklich?
Was bedeutet Freiheit?
Google sagt dazu folgendes:
Frei·heit
Substantiv, feminin [die]
- 1.
[ohne Plural] Zustand, in dem jemand frei von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen, unabhängig ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht eingeschränkt fühlt, “die politische Freiheit"
- 2.
[ohne Plural] Möglichkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen
Freiheit ist also ein gefühlter Zustand.
Gefühlt sind wir demnach in unserem Leben frei und unabhängig in unseren Entscheidungen, frei von Zwängen und Verpflichtungen.
Sind wir das?
Leben die meisten von uns nicht in Wahrheit schon länger in totaler Abhängigkeit und somit Unfreiheit?
Ist unser Leben frei bestimmt und frei von Abhängigkeiten?
Das System?
Wenn ihr mich fragt: no way.
Wir gestalten unser Leben nicht frei, sondern ordnen uns gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unter.
Innerhalb dieser Rahmenbedingungen dürfen wir zwar relativ frei entscheiden, aber das ist eine trügerische Freiheit.
Die meisten von uns hängen längst an der kapitalistischen Nadel, wollen immer mehr und stets das Neueste, und das ganz schnell, schicken ihre Daten und Wünsche ins Internet und holen sich Alexa und Co. ins Haus und machen sich somit kontrollier- und manipulierbar, und viele folgen und vertrauen einer virtuell inszenierten Scheinwelt und ihren Idealen und geben so noch das letzte Fünkchen Selbstbestimmung ab.
Der Mainstream bestimmt, wer anders denkt oder lebt, hat schnell einen Shitstorm am Hals.
Ich weiß, dass viele jetzt sagen werden:
Moment mal, wenn wir doch angeblich nicht frei sind, was ist denn dann beispielsweise mit Nordkorea?
Oder wie war das in der ehemaligen DDR?
Ich bin in West-Berlin geboren, kenne also zumindest das Gefühl, von einer Mauer umgeben zu sein, wenngleich ich auch auf der freien Seite der Stadt lebte.
Aber ich habe auch den unmittelbaren Vergleich des Lebensgefühls von damals und heute.
Ich bin gewiss kein Vergangenheitsverklärer. Die Welt von damals war alles andere als nur rosig und toll.
Aber ich erlaube mir, jede Zeit und alles, was mich umgibt, kritisch zu betrachten und Pros und Contras abzuwägen.
Natürlich dürfen wir reisen, wohin wir wollen, sofern es der Geldbeutel erlaubt, wir dürfen wählen, dürfen unsere Meinung sagen und haben Zugang zu nahezu allen Konsumgütern und Vergnügungen, die das Herz begehrt. Analog und digital.
Überhaupt hat die Digitalisierung Grenzen und Entfernungen in vielerlei Hinsicht beseitigt und Möglichkeiten erweitert.
Völlig neue Welten eröffneten sich, und wir fühlen uns dahingehend unabhängig und frei.
Aber streng genommen haben wir nur eine andere Form der Abhängigkeit akzeptiert.
Und wo auf er einen Seite Grenzen fielen, sind andere entstanden.
Viele wissen momentan kaum etwas mit sich anzufangen, und das, obwohl wir doch heute ungleich mehr Möglichkeiten der Beschäftigung und des Entertainments haben. Wir müssen genau genommen nicht einmal allein sein, während wir solo in unseren Wohnungen sitzen, denn wir können virtuell zusammen sein. Das ersetzt, zugegeben, keine echte Begegnung, aber wieviel mehr ist das, verglichen mit der Zeit, als man allenfalls miteinander telefonieren konnte?
Viele sorgen sich ungemein um Hab und Gut, und das, obwohl ihr Leben in Gefahr ist, so lange wir weder echte Erkenntnisse, noch ein Mittel gegen das Virus haben. Viele wollen sich nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken lassen, und das, obwohl auch die Globalisierung und das hemmungslose Bereisen der entlegensten Winkel der Erde einen nicht umbeachtlichen Anteil an den aktuellen Entwicklungen haben.
Es geht zur Zeit um das Elementare, um die Basis für alles: unsere Gesundheit.
Und es ist kein esoterisch-pathetisches Geschwafel, wenn man sagt: Ohne die Gesundheit ist alles andere sinnlos.
Viele haben bereits ihr Leben oder einen nahestehenden Menschen verloren.
Was wünschten sie sich wohl am meisten?
Unter Beibehaltung unseres gewohnten Aktions- und Bewegungsradius, den wir subjektiv als Freiheit empfinden, können wir nach derzeitigem Kenntnisstand momentan nicht mehr sicher sein. Wir wissen streng genommen noch nicht viel über das Virus, haben zwar eine Menge an Daten und Anhaltspunkten für unterschiedliche Theorien, aber ebenso viele Fragezeichen, Unsicherheiten und Variablen.
Es ist wie ein schwarzes Loch, vor dem man steht, und von dem man bislang nur weiß, dass es verdammt tief sein und man dementsprechend eventuell tief fallen und sich dabei entweder nichts, ein Bein, ein paar Rippen oder das Genick brechen kann. Hin und wieder flammt mal ein Licht auf, aber in der nächsten Sekunde geht es wieder aus.
Insofern macht es Sinn, zunächst eine Sicherheitszone um dieses schwarze Loch einzurichten und sich dem nach und nach so vorsichtig wie möglich zu nähern statt einfach reinzuspringen und dann zu schauen, was in welcher Häufigkeit passiert und wen es in welcher Ausprägung betrifft.
Aber genau das fällt den meisten unfassbar schwer.
Grenzen zu akzeptieren, nachdem in den letzten Jahrzehnten immer mehr Grenzen und Kontrollen wegfielen.
Sowohl geographisch als auch moralisch, wenn man mal ehrlich ist.
Befeuert durch TED-Talks, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will.
Ganz gewiss haben unsere Gedanken einen ganz erheblichen Anteil daran, wie wir die Welt sehen, wie wir uns in ihr fühlen und was wir erreichen können.
Aber ebenso ist unsere subjektiv empfundene Freiheit, die zumeist vor allem materiell definiert wird, durch unser Denken begrenzt.
Wir hängen an dem Gedanken, dass Glück und Freiheit davon abhängt, wie schnell und in welchem Umfang das gewohnte System wieder reaktiviert werden kann. Und je länger dies nicht der Fall ist, desto mehr glauben wir, danach einer schier unüberbrückbaren Katastrophe, einer Rezession ausgesetzt zu sein, unter der wir mehr denn je leiden werden.
Das mag in dem bestehenden System bedingt zutreffen, denn es würde nicht alle mit voller Härte treffen - so wie immer eigentlich.
Aber wie hoch ist die Gewissheit, dass dies nicht wieder passieren wird?
Dass es kein weiteres Corona geben wird?
Es gab bereits ein Corona. Dieses Mal ist es größer, schlimmer. Wie wird es beim nächsten Mal sein?
Und was haben wir dem entgegen zu setzen?
Das, was wir momentan erleben, ist in meinen Augen nichts anderes, als ein Trauma, ein Schicksalsschlag, ein Unfall, der unser aller Leben verändert hat und vor allem nachhaltig verändern muss.
Es fällt vielen noch schwer, sich damit abzufinden.
Wir wollen das zurück, was wir hatten.
Unsere vertrauten Maximen.
Wir klammern uns an unseren vermeintlichen Wohlstand, aber wissen wir nicht längst, dass all das vergänglich ist?
Ebenso wie die vermeintliche Freiheit, die wir empfinden?
Wäre es nicht an der Zeit, loszulassen?
Die Gegenwart anzunehmen, um einer anderen, neuen Zukunft Platz zu machen statt die Vergangenheit um jedem Preis zurück zu erlangen?
Ist es nicht genau das, was man jedem rät, der einen Schicksalsschlag erlitten hat und sich ins Leben zurück kämpft?
Es gibt hartnäckige Hüter des Bestehenden, das derzeit auf dem Prüfstand und auf der Kippe steht.
Aber es gibt ebenso Menschen, die plötzlich eine echte Chance sehen, etwas Besseres zu schaffen als das, was wir bis vor kurzem als das Non Plus Ultra erachtet haben. Eine Welt der Nachhaltigkeit, der Solidarität, mit anderen Werten und Ausgewogenheit.
Mehr, mehr, mehr, Profit, Wachstum - das galt bislang als oberstes Prinzip, als Antwort auf fast alles.
Aber das hat, wenn wir ehrlich sind, vor allem zu immer mehr ökologischen Problemen und Ungleichheiten geführt.
Und Abhängigkeiten.
Und das Wichtigste: Ein System, das primär auf Wachstum setzt, stürzt am schnellsten dann ein, wenn das Wachstum ausbleibt.
So wie jetzt.
Die größte Bedrohung für das System ist also das System selbst.
Was sagt uns das?
Soll alles so bleiben wie es ist?
Lassen wir los.
Auch wenn wir momentan Angst haben.
Verlustangst. Zukunftsangst.
Angst vor dem Ungewissen, dem Neuen.
Angst vor Veränderung.
Wie so oft.
Aber wir kriegen das hin.
Wie stark, mutig und flexibel wir tatsächlich sind, wissen wir erst hinterher, wenn wir eine Krise gemeistert haben.
Und wahrer Wandel wird in der Regel nur durch tiefe Einschnitte, durch eine Krise möglich.
Loslassen.



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