Der Wert der Arbeit Vol II


Etwa 3,38 Millionen Vollzeitbeschäftigte in Deutschland haben im Monat zuletzt weniger als 2000 Euro brutto verdient. Nach den jüngsten offiziellen Daten Ende 2017 waren das 16 Prozent. Das teilte das Sozialministerium auf eine Anfrage der Linken mit.(…)“,so konnte man Ende April dieses Jahres im SPIEGEL lesen.

Es gibt sowohl Branchen-, als auch regionale Unterschiede. Schlusslicht bilden die Reinigungskräfte, gefolgt von Tourismus, Hotel- und Gaststättengewerbe, Land-, Tier- und Forstwirtschaft, die Lebensmittelherstellung und -verarbeitung, die nichtmedizinischen Gesundheits- und Pflegeberufe und die Berufe im Verkauf.
Am oberen Ende der Skala findet sich der Bereich Informatik und IT.

Gehalt.de zeigt regelmäßig die Liste der TOP- und FLOP-Berufe, zumindest was das Gehalt angeht.

Der Großteil dieser so genannten „TOP-Berufe“ ist aus dem Finanzwesen wie beispielsweise Fondsmanager und Wertpapierhändler. Hier liegen die Jahresverdienste im Mittelwert zwischen 70.00 und 91.000 Euro.
An Position 1 rangiert der Oberarzt* mit rund 121.000 Euro.

Ganz unten im Ranking finden wir unter anderem Berufskraftfahrer sowie Kassen- und Pflegepersonal. Hier liegen die Jahresverdienste im Durchschnitt zwischen 28.000 und 30.000 Euro.

Über Geld spricht man nicht, sagt man, und tatsächlich reden die wenigsten darüber, was sie verdienen…wobei…“verdienen“?

Im Duden lesen wir unter „verdienen“ das Folgende:
als Entschädigung für geleistete Arbeit in Form von Lohn, Gehalt, Honorar o.ä. erwerben
oder
einer bestimmten Reaktion, Einschätzung o.ä. wert, würdig sein(…)“

„Wert“…“würdig“… hier musste ich stutzen.

Kann, DARF man noch von Wert und Würde sprechen, wenn ein Fondsmanager im Schnitt um die 9 - 10.000,-- Euro monatlich nach Hause bringt, während ein Kranken- oder Altenpfleger mit durchschnittlich 2.500,-- Euro auskommen muss?

Richard Easterlin, ein Ökonom der University of Southern California schlussfolgerte im Jahr 1995, dass es einer Bevölkerung nicht unbedingt besser ginge, wenn sie insgesamt wohlhabender werde. Die Menschen würden dadurch nicht glücklicher. Viel wichtiger sei hingegen der Vergleich mit anderen.

Seine Einschätzung ist als Easterlin-Paradox bekannt geworden.

Geht es um Arbeit und Lohn/Gehalt, kommen heute zwangsweise auch immer Ethik und Moral ins Spiel.

In Zeiten, in denen Top-Manager, Profifußballer und so genannte „Influencer“ mitunter mehrere Millionen Euro im Jahr verdienen, während für den Rest der Bevölkerung immer häufiger befristete Arbeitsverträge und ein gesetzlicher Mindestlohn von 9,19 Euro gelten, wird unser ganz natürlicher und tief verankerter Wunsch nach Fairness und Gerechtigkeit immer wieder auf eine harte Probe gestellt.

Ist es fair und gerecht, dass ein Alten- oder Krankenpfleger, der einer mitunter schweren körperlichen und psychisch belastenden Arbeit nachgeht, der sich um das Wohl von Menschen kümmert und der in den meisten Fällen Schichtarbeit leistet, so wenig verdient?

Ist es fair und gerecht, dass jemand, der die Geschicke eines Weltkonzerns lenkt, ein Millionengehalt erhält, auch wenn das nicht selten bedeutet, dass er viele Menschen durch seine Entscheidungen arbeitslos macht? 

Ist es fair und gerecht, dass beispielsweise Schüler, die lustige Videos mit Tanzeinlagen oder Produkttests drehen und diese bei Youtube & Co.hochladen, Hunderttausende von Euro verdienen, als „Influencer“ Reisen und Hotelaufenthalte geschenkt bekommen und vielleicht noch nie einen Beruf erlernt haben? 

Ist es überhaupt noch nötig, einen Beruf zu erlernen?

Ist es OK, wenn ein Top-Profi-Fußballer monatlich zwischen 1,3 und 8,3 Millionen Euro verdient, indem er nicht nur etwas tut, das er einfach gut kann, sondern für das er darüberhinaus auch hoch dotierte Werbeverträge für Produkte erhält, die in der Regel nichts damit zu tun haben?

Worin besteht der „Wert“ der Arbeit eines Altenpflegers, eines Topmanagers, eines Influencers und eines Profifußballers?

Wer profitiert davon?

Und ist das Gehalt der Sache würdig?

Woran bemisst es sich, wer bestimmt es, und was ist hier richtig und was falsch?
Gibt es so etwas wie Gerechtigkeit, und woher wissen wir das?

Müssen wir überhaupt arbeiten und wenn ja, warum?

Dient Arbeit primär dem Geldverdienen oder ist es mehr?

Brauchen wir zum Glücklichsein Arbeit?

Was ist Glück?

All dies sind philosophische Fragen, die sich ganz sicher nicht in ein bis zwei Sätzen beantworten lassen und über die einen Konsens zu finden schwerfallen dürfte. Zu weit gehen hier die Ansichten auseinander und treffen tief verankerte Glaubenssätze auf zum Teil esoterische Ideen und Utopien.

Die Frage danach, was eine angemessene, eine dem Wert der Tätigkeit entsprechende Bezahlung ist, lässt sich hingegen mindestens kontrovers diskutieren.

Was ist überhaupt Arbeit?

Sprechen wir über Arbeit, meinen wir meistens eine Tätigkeit, mit der wir unseren Lebensunterhalt verdienen, also eine Erwerbstätigkeit. Arbeit gegen Geld.

Wer Arbeit hat, trägt zur Wertschöpfung bei, zahlt Steuern und ist somit ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.
In unserem Wertesystem nimmt „Arbeit“ eine zentrale Position ein.
Hast du Arbeit, bist du also jemand.
Hast du keine, bringt das gleichzeitig eine Abwertung der eigenen Person und der Lebenserfolgsbilanz mit sich.
So ist auch heute noch die weitläufige Meinung.

Dass Arbeit etwas wert ist, war nicht immer so.
In der Antike galt Arbeit noch als minderwertig. Laut Homer war körperliche Arbeit etwas für Sklaven, Knechte und Frauen. Seit Beginn des Christentums bis zum Mittelalter veränderte sich das, denn das Handwerk und die Kaufleute bildeten anerkannte Stände, und wer für seinen Lebensunterhalt arbeitete, erntete Respekt. Müßiggang galt als verpönt.
Aber auch unbezahlte Sklavenarbeit gab es. Menschen wurden wie Ware gehandelt und verkauft und hatten keine Rechte. Bis ins 18. Jahrhundert waren alle europäischen Großmächte noch am Sklavenhandel beteiligt.

Heute gibt es in Deutschland rund 42 Millionen Erwerbstätige und knapp 15 Millionen ehrenamtlich tätige Bürger. Auch Ehrenamt ist Arbeit und unerlässlich für eine funktionierende Gesellschaft – bezahlt wird diese Arbeit nicht, obwohl sie ganz sicher wertvoll ist.

Und auch die Haus- und Familienarbeit ist unverzichtbar und wertvoll, für Einzelne und für die Gesellschaft.

Männer verbringen in Deutschland ca. 90 und Frauen ca. 164 Minuten täglich mit Haus- und Familienarbeit.

Hausarbeit wird gemäß Beschluss des Bundesverfassungsgerichts als gleichwertig mit Erwerbsarbeit aufgefasst, jedoch nicht im Sinne einer Erwerbstätigkeit entlohnt. Erziehungsarbeit findet bei der Rentenberechnung Berücksichtigung. Irgendwie zumindest.

Die in unbezahlter Haus- und Familienarbeit erbrachten Leistungen würden Schätzungen zufolge, wenn ihr Geldwert gemessen würde, etwa ein Drittel des Sozialprodukts moderner Industriegesellschaften ausmachen. *1)

Frauen werden auch heute noch in vielen Berufen schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Arbeit. Wert.
Gleich wert. Mehrwert. Wertvoll.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich sehr viel verändert in unserer Welt, und so auch in unserer Arbeitswelt. Während es lange Jahre darum ging, möglichst viel Know HOW zu haben, stellt sich heute im Zeitalter der Digitalisierung für immer mehr Menschen die Frage nach dem WHY, dem WARUM?

Viele technische Errungenschaften sollten uns helfen, Zeit zu sparen. Tatsächlich jedoch haben wir heute vor allem eines: immer zu wenig Zeit.

Während das Materielle, Geld, Sachen, irgendwie immer wieder kommen und gehen, ist eines unwiderruflich für immer verloren, sobald es vorüber ist:
die ZEIT.

Und so wundert es nicht, dass immer mehr Menschen, vor allem die jüngere Generation, sich danach sehnt, sich in ihrer Arbeit selbst zu verwirklichen, um die Grenzen zwischen Leben, Arbeit und Freizeit weicher werden zu lassen. 
Die Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen.
Das Hobby als Beruf, Beruf = Berufung.

Influencer* beispielsweise widmen sich mit Leidenschaft einem Thema, das sie frei gewählt haben, in dem sie voll und ganz aufgehen und das ihnen Freude bereitet. Sie fotografieren, shoppen und posten, drehen Videos und testen Produkte, ab einer gewissen Reichweite auch im Auftrag namhafter Hersteller und solcher, die es werden wollen.
Für manch einen wirkt dies wie eine permanente Party – Influencer selbst sagen, es handele sich um viel Arbeit. Und diese Arbeit ist den Unternehmen viel wert.

Ist die Arbeit der Influencer aber auch wertvoll in demselben Sinne wie Ehrenamt und Haus- und Familienarbeit?
Oder wie die Arbeit eines Altenpflegers*?
Oder die eines Profi-Fußballers?
Oder eines Oberarztes?

Und ist es gerecht, dass Influencer beispielsweise lediglich dadurch zu Ruhm und viel Geld kommen, nur weil sie die Welt an ihrem Leben teilhaben lassen?
Wem bringt das etwas? 

Die Welt ist gewissermaßen ein wenig verrückt geworden, wenn man sich diese Fragen stellt. Aber am meisten irritiert, dass Arbeit in der Politik unverändert der hohe Stellenwert eingeräumt wird, den sie immer hatte. Vollbeschäftigung wird noch immer als ein erstrebenswertes Ziel gesehen, obwohl Digitalisierung und Technologien nicht erst seit gestern darauf ausgerichtet sind, den Menschen in der Arbeitswelt immer entbehrlicher zu machen.

Zeit, umzudenken.

Wäre ein anderes Arbeits- und Lebensmodell vorstellbar?
Realisierbar?
Überlebensnotwendig?

Und ist es nicht so, dass wir, obwohl die meisten von uns Arbeit als (über)lebenswichtig erachten, häufig denken, dass wir eigentlich etwas anderes viel lieber täten und unsere Arbeitskraft, unsere Energie lieber uns selbst als einer Firma, einem Konzern, einem Manager zur Verfügung stellen würden?

Die „entfremdete Arbeit“  führte schon nach Karl Marx dazu, dass „…ein Arbeiter durch seine Tätigkeit fortwährend einen immer größeren, ihm fremden Reichtum in den Händen der Kapitalistenklasse produziert, mittels welchem er erneut ausgebeutet wird.“ *2) Demnach reproduziert der Arbeiter das ihn ausbeutende Arbeitsverhältnis selbst.

Nietzsche formulierte es so:“ „Es ist das Unglück der Tätigen, dass ihre Tätigkeit fast immer ein Wenig unvernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem geldsammelnden Banquier nach dem Zweck seiner rastlosen Tätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik. — Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.“ *3)
Schon immer gab es Kritiker des vorherrschenden Arbeitsbegriffs, die sich vornehmlich gegen die Fremdbestimmung und eine Verlust an Zeit und Lebensfreude auflehnen.
Paul Lafargue – im Übrigen der Schwiegersohn von Karl Marx – war einer von ihnen. Mit seinem 1883 veröffentlichten Pamphlet „Das Recht auf Faulheit“ stieß er zu seiner Zeit vor allem auf Widerstand und taube Ohren. Er propagierte nur drei Stunden Arbeit am Tag als ausreichend. 
„Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Bannfluch: Ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu reduzieren, seine Genüsse und Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach Belieben herausschindet.“ *4)
                                                  
Ist es möglich, glücklich und „faul“ zu sein, frei von Existenzängsten, gesellschaftlicher Ausgrenzung und moralischen Zeigefingern? 
Und wie finanziert man es? Wovon leben wir in der Welt von morgen?

Ist die „Große Verweigerung“ nach Herbert Marcuse, der Ausstieg aus dem kapitalistischen System, wie sie auch bereits von den 68ern propagiert wurde, ein denkbarer Ausweg? 
Laut Marcuse bedarf es einer neuen Moral, welche die vitalen Bedürfnisse nach Freude und nach dem Glück erfüllt und die ästhetisch-erotischen Dimensionen umfasst. *5)

In seinem Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ setzt sich der Philosoph und Autor Richard David Precht genau mit dieser Frage auseinander und zweifelt die weitläufig herrschende Überzeugung an, dass der Mensch seinen Wert über die Erwerbsarbeit definiert, sie regelrecht zum Glück brauche.

Ich stimme ihm uneingeschränkt zu.

In meiner Arbeit mit Ratsuchenden dreht es sich zunächst häufig um Arbeit.
Im Verlauf der Sitzungen bekommen jedoch sehr häufig andere Themen eine zentrale Bedeutung. Zufriedenheit, Gesundheit, Freiheit, Selbstbestimmung, Glück. Und gleichsam wird deutlich, dass es genau die Arbeit war oder ist, die hier kollidiert. Oder der Umstand, aktuell keine Arbeit zu haben.
Bei vielen Menschen führt Arbeitslosigkeit automatisch zur Selbstabwertung und zu Selbstzweifeln. Jedoch beobachten sie gleichermaßen häufig eine Zunahme an Selbstbestimmung, Freiheit und Gesundheit, nachdem sie aus der Tretmühle entlassen wurden.
Dieser Effekt hält zumeist nicht lange an, da die Existenznot überwiegt, und ein Leben ohne oder mit weniger Arbeit erscheint dann häufig nicht mehr erstrebenswert. Eine Veränderung des Gewohnten ebenso wenig, denn Veränderung bedeutet häufig Unsicherheit, Opfer, und das macht Angst.

Angst vor der Meinung anderer, Angst vor dem Scheitern, Angst vor Armut. 
Und diese Angst überwiegt. Ebenso die Bequemlichkeit des Gewohnten.

Genau diese Bequemlichkeit ist gleichsam Resultat, als auch Ursache für das Dilemma, in dem wir uns befinden. 

„Uns geht es einfach noch zu gut“, höre ich häufig, wenn man Stammtischgesprächen und Forumsdiskussionen lauscht, in denen gewettert, geschimpft und über das Establishment hergezogen wird.

Der Wert der Arbeit (in unserem Wertsystem gleichzusetzen mit dem arbeitenden Menschen) ist ein häufig und heftig diskutiertes Thema.

Der Lohn reicht nicht mehr zum Leben, die Rente ebenso wenig, während die wenigen wirklich Mächtigen unserer Welt sich mehr und mehr einverleiben, die Umwelt zugrunde geht und einige Regionen dieser Welt immer die Ärmsten bleiben werden, obwohl heute niemand mehr Hunger leiden müsste. Und auch in den reichen Industrienationen leiden Menschen unter Armut. Kaum vorstellbar, aber wahr.

Man sieht die Zeichen, man bewertet sie, aber irgendwie entsteht häufig der Eindruck, als betrachteten die meisten Menschen die Welt aus einer Art Metaebene. Sie stehen draußen und denken „Schön ist das nicht, was ich da sehe“, aber die Schneekugel zu schütteln, um das System mal ordentlich durcheinander zu wirbeln, das ziehen sie nicht in Erwägung.
Sie selbst sehen sich zumeist als Figur im Inneren der Schneekugel, die andere schütteln, aber selten als Gestalter derselben.,

Es sind immer die anderen, die schütteln, und sie werden wehr- und machtlos durcheinander gewirbelt.

Dass man selbst enormen Einfluss ausüben kann, und zwar weit mehr als mittels Wahlzettel, dass man selbst die Entscheidungen trifft, wie man in Zukunft leben möchte, dass es gerade diejenigen sind, die sich vom System missbraucht und missachtet fühlen, die die Macht zur Veränderung haben, ist den meisten gar nicht bewusst.
Zu groß sind die Angst und der blinde Gehorsam. 
Wie nach einer Gehirnwäsche kommt es mir manchmal vor, wenn ich Menschen Dinge sagen höre wie „Naja, was kann ICH schon ändern, es ist halt wie es ist.“
Oder „Die da oben machen doch, was sie wollen.“

Und die Kritik und die Argumente, die geäußert werden, wenn es beispielsweise um das bedingungslose Grundeinkommen oder die Fridays for Future geht, um Zukunft, um Veränderung und um konkrete Bedrohungen des eigenen Lebensraums, lassen mich zuweilen nur kopfschüttelnd zurück.

Es sind häufig dieselben, die am lautesten brüllen, wie ungerecht unser System ist, und die gleichzeitig jede Idee, jeden Impuls für Veränderung beinahe reflexartig ablehnen und als Nonsens abstempeln oder sich jeder Verantwortung und Einflussnahme entziehen.

Arbeit verändert sich, weil die Welt schon lange dabei ist, sich durch Digitalisierung und Globalisierung immer mehr zu verändern.
Unsere Vorstellung von Arbeit und dem Wert, den wir ihr beimessen, überholt sich nach und nach selbst. Immer weniger Menschen werden in Zukunft eine Arbeit ausüben, so wie wir es kennen. Die Welt ist dynamisch, und auch wir müssen lernen, dass nichts so bleibt, wie es ist und dass es gut ist, in Bewegung zu bleiben, körperlich und vor allem geistig. Veränderung und Wandel ist kein Ausnahmezustand, sondern normal und Bedingung für Wachstum. Das war schon immer so, jedoch waren es immer schon wenige, die dies erkannten und davon profitierten. Der Rest, so scheint es, folgt den Entwicklungen in der der Welt und den von der Politik suggerierten Werten und Zielen gedankenlos wie Lemminge und passt sich an, und nach einer Weile, wenn die Realität die Theorie an ihre Grenzen bringt,  kritisiert man wieder den aktuellen, bewusst und aktiv herbei geführten Zustand und wartet darauf, dass sich etwas ändert.

Diese passive Folgsamkeit, die vor allem auf der Überzeugung basiert, diese Strategie wäre a) die einzig richtige und vor allem die einzig mögliche, um Erfolg zu haben und b) man könne ohnehin nichts daran ändern, ist die Nahrung für die Probleme, die wir beklagen.

Was bedeutet es, wenn sich der Großteil der Menschen nach wie vor hauptsächlich über Arbeit definiert, sich Arbeit aber für weniger Menschen lohnt und es in Zukunft immer weniger Erwerbsarbeit geben wird? 
Wenn immer mehr Menschen von ihrem Lohn oder ihrer Rente nicht mehr leben können und aufstocken müssen? Wenn immer mehr Aufgaben von Robotern übernommen werden? Wenn unsere Leben zunehmend in Algorithmen übersetzt und von diesen bestimmt werden?

Werden wir alle Hartz IV-Empfänger, und nur noch die wenigen Herrscher über Bits und Bytes und Bitcoins erhalten eine Anerkennung, die zum Leben gereicht?
Was macht das mit unserem Bild über uns und dem Wert, den wir uns beimessen?

Die junge Generation, die exzessiv von der Digitalisierung profitiert, sie quasi in der Muttermilch hatte und sie sich zu eigen macht, hat zugleich intuitiv erkannt, dass hier nicht nur die Faktoren Information und Spaß eine Rolle spielen, sondern auch, dass sie das Modell Arbeit für sich anders definieren und zunehmend mit den persönlichen Vorlieben und der Freizeit in Einklang bringen will.

Zeit ist nicht mehr länger Geld, sondern Zeit ist vor allem Zeit, und die ist begrenzt und will möglichst angenehm und mit Freude verbracht werden, und am allerliebsten auch bezahlt.

Remote Work, das bezahlte Arbeiten an jedem beliebigen Platz auf der Erde, ist heute völlig normal geworden, während in zahlreichen Unternehmen trotz technisch idealer Voraussetzungen noch immer der Begriff „Home Office“ nicht einmal in Erwägung gezogen wird. Zu groß sind Misstrauen und Angst. 
Auf beiden Seiten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Es wird besser.
Immerhin bieten heute vier von zehn Unternehmen Home Office an, wenn auch mit strengen Regeln und Anwesenheitspflichten.
Der Ruf nach einem Umdenken und einer Anpassung des Arbeitsrechts wird jedoch lauter, denn gerade die starren Arbeitszeitregelungen stehen dem digitalen Zeitalter und der Entwicklung einer selbst bestimmten Arbeitszeitregelung massiv entgegen.

Junge Menschen sind agiler und weniger skeptisch gegenüber Technologie. 
Technologie, die im Übrigen auch das Lernen immer einfacher gestaltet, und lebenslanges Lernen wird in der Welt von morgen von noch größerer Bedeutung sein.

Die Zeiten, in denen wir von der Ausbildung bis zur Rente ein und demselben Betrieb die Treue hielten und ein bewegter Lebenslauf von Sprunghaftigkeit und mangelnder Ausdauer zeugte, sind längst vorbei.

So, wie die Art des Arbeitens sich verändert, verändert sich auch ihr Wert.

Arbeit, wie wir sie kennen, kann und wird nicht mehr länger die Bedeutung haben, die wir ihr noch heute weitgehend beimessen. Immer mehr Aufgaben werden von Robotern übernommen werden.
Andere menschliche Eigenschaften als fachliches Know How, nämlich Empathie, Flexibilität und Kreativität nehmen an Bedeutung zu. Unsere Tage werden nicht mehr im bekannten Umfang durch Arbeit gegen Geld gekennzeichnet sein. Mehr Menschen werden immer weniger Arbeit und mehr Freizeit haben. 

Das hat zur Folge, dass auch die sozialen Sicherungssysteme überdacht werden müssen. 

Das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, kurz „BGE“, ist gar keine so neue Idee, denn bereits Milton Friedman *6) und Juliet Rhys-Williams *7) verfolgten bereits um die Mitte des 20. Jh. ähnliche Ansätze, und derzeit wird das Thema BGE wieder auf allen Ebenen ebenso leidenschaftlich wie kontrovers diskutiert.

Wie soll es finanziert werden, und ist es gerecht, wenn alle, unabhängig von der wirtschaftlichen Lage, eine staatliche finanzielle Zuwendung ohne jegliche Gegenleistung erhalten? Was bedeutet es für Menschen, wenn sie plötzlich grundsätzlich auch Geld ohne Arbeit erhalten?

Der Gründer der Plattform „Mein Grundeinkommen“ *8), Michael Bohmeyer, sorgt seit 2014 dafür, dass Menschen per Zufallsprinzip für ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. 
Die gesammelten Erfahrungen hat er in einem Buch zusammengetragen.
Vor allem geht es um Freiheit. Die Freiheit, Entscheidungen zu treffen und Freiheit, sich von etwas oder jemandem zu trennen beispielsweise.
Freiheit durch Geld?
Und es geht auch um Verantwortung.

In einem Interview mit der ZEIT bringt er die Probleme, die viele Menschen haben, auf den Punkt: Wenn Geld bedingungslos kommt, dann muss man Eigenverantwortung entwickeln. Es ist eine andere Haltung, einem Kind fünf Euro zu geben und zu sagen: "Mach damit, was du willst!", als wenn man sagt: "Da, kauf dir ein Eis!"

Die Bereitschaft zum Umdenken und zu mehr Eigenverantwortung werden wir in naher Zukunft mit oder ohne BGE brauchen. 























*1) Sheila Lewenhak: The Revaluation of Women’s Work. Earthscan Publ., 1992. Zitiert nach: Günther SchmidGleichheit und Effizienz auf dem Arbeitsmarkt

*2) Karl Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844

*3) Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 1878

*4) Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, 1848

*5) Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1964

*6) Milton Friedman, * 1912, + 2006, US amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler

*7) Juliet Rhys-Williams, * 1898, + 1964, britische Ökonomin









Foto: ich

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