Grenzen-lose Liebe
Meine spontane Reaktion war: “Hä? Das geht ihn doch gar nichts mehr an.“
I mean, die Dame war 58.
Was daraufhin an Kommentaren folgte, demonstrierte klassisch (selbst-)destruktive Dynamiken in zwischenmenschlichen Beziehungen und klassisch stereotyp unterschiedliche Bewertungen des Verhaltens von Männern und Frauen, was wiederum auf Spuren internalisierter Misogynie schließen ließ:
„Natürlich geht ihn das etwas an, es ist schließlich seine Tochter.“
„Vermutlich fühlt er sich ausgenutzt.“
“Oh, da wäre ich als Vater aber auch enttäuscht, Sparen zulasten anderer geht GAR nicht.“
„Direkt ansprechen, mit 58 sollte sie wohl gefestigt genug sein, damit umzugehen.“
Dröseln wir das alles mal etwas auf.
Seine Tochter, die dem Rentenalter näher als dem Teenageralter ist, scheint im Leben nicht allzu viel falsch gemacht zu haben, denn sie hat laut Aussage des Vaters einen guten Job, besitzt zwei Wohnungen und hat jüngst ein Haus verkauft. Geldsorgen hat sie vermutlich nicht. Sie hat also das getan, was eigentlich viele Menschen tun: Geld vermehren, Werte anhäufen. Kapitalismus. Und das hat sie scheinbar ganz gut hinbekommen. Eventuell sogar durch eine gehörige Portion Sparsamkeit…oder „Geiz“.
Ist seine Tochter denn wirklich geizig, wenn sie sich von anderen zum Essen einladen lässt, dies selbst aber nicht tut? Oder wenn sie danach fragt, ob sie sich ein Buch, das sie geschenkt hat, später einmal selbst ausleihen dürfe?
Nutzt sie Menschen aus?
Um jemanden auszunutzen, bedarf es in der Regel mindestens zwei Personen.
Lässt sich die Dame nun häufig zum Essen einladen, tut dies aber selbst nie, dann ist das vor allem ein Thema, das nicht ihr Vater, sondern allenfalls die ansprechen könnten, die sie einladen. Sofern es diese denn stört. Den Vater geht es schlicht nichts an. Er kann sich Sorgen machen, er kann irritiert sein, er darf es natürlich auch ansprechen, aber es besteht eben kein Geburtsrecht auf Einmischung, zumal es ihn persönlich ja nicht einmal betrifft.
Er ist nur ein nicht ganz so neutraler Beobachter.
Fühlt er sich dadurch ausgenutzt, weil er seiner Tochter vielleicht einen Grundstein für ihr materielles Leben gegeben hat, lässt dies eher auf egoistische und an Erwartungen geknüpfte Zuwendungen schließen. „Ich habe dir das schließlich alles ermöglicht, also habe ich auch ein Recht auf Einmischung.“ Auch hier ein klares „nein“. Es sei denn, es gibt vertragliche Vereinbarungen über eine vorgeschriebene Verwendung von Zuwendungen.
Wenn der Vater „enttäuscht“ ist über den vermeintlichen Geiz seiner Tochter, dann überrascht es schon etwas, das ihm das erst jetzt aufzufallen scheint, aber die Frage ist dennoch:
Warum ist ER enttäuscht, wenn SIE geizig ist?
Was hat das mit ihm zu tun?
Zunächst einmal: nichts.
Unterstellen wir diesem Mann totale Großzügigkeit, dann kann er allenfalls über sich selbst enttäuscht sein, weil es ihm scheinbar nicht gelungen ist, seiner Tochter die eigenen Werte zu vermitteln. Vielleicht ist sie aber auch genau aus diesem Grunde ganz anders als er geworden, weil sie beobachtet hat, dass Großzügigkeit bestimmte Konsequenzen hat, die sie für sich nicht wollte? Oder weil er an seine Großzügigkeit stets Bedingungen geknüpft hat? Vielleicht war sie mal großzügiger und wurde ausgenutzt? Wir wissen es nicht.
Stellen wir nun einmal in den Raum, es ginge um einen Sohn statt um eine Tochter. Würde der Mann dann genauso reagieren? Ist es bei Männern nicht eher positiv konnotiert, Vermögen anzuhäufen und sein Geld zusammenzuhalten? Wird eine gewisse Knausrigkeit nicht häufig sogar als gute Basis für späteren Reichtum angepriesen, stets bebildert mit erfolgreichen Männern, quasi nie mit Frauen?
Finden die meisten Betrachter es nicht einfach nur eher ungewöhnlich, dass eine Frau sich so wie beschrieben verhält? Sind knausrige Frauen in der gesellschaftlichen Bewertung nicht gern mal „geizig“, während Männern eher das Attribut „sparsam“ zugeschrieben wird?
Kommen wir noch einmal auf das Argument „Ich wäre auch enttäuscht, wenn mein Kind so wäre“ zurück.
Ich denke, wir alle haben bestimmte Vorstellungen davon, wie wir uns unsere Kinder als Erwachsene „wünschen“ würden. Die meisten dürften sich für ihre Kinder Glück, Gesundheit, Erfolg und Zufriedenheit wünschen.
Bei der Frage, wie sie das dann erreichen, können sie uns jederzeit um Rat und Unterstützung bitten. Aber ab einem gewissen Alter geht es uns zumindest dahingehend nichts mehr an, wenn ihr Verhalten oder ihre Strategie nicht der unseren entspricht.
Liebe, egal ob Paarbeziehung oder Elternliebe, bedeutet nicht, die Grenzen des anderen missachten zu dürfen.
Wenn man „enttäuscht“ davon ist, wie sich die eigenen Kinder in speziellen Situationen verhalten, dann liegt das daran, dass man Erwartungen an sein Kind hat, die von diesem nicht erfüllt werden. Das ist aber dann - so ehrlich muss man sein - das eigene Problem und nicht das des Kindes.
Kinder oder/und Partner sind nämlich nicht dazu da, die eigenen Erwartungen zu erfüllen.
Das wäre nämlich Egoismus.
Wer das will, sollte sich einen Hund zulegen.
Ich weiß, das klingt hart, aber genau daran kranken neun von zehn Beziehungen zwischen Eltern/Kindern und Paaren - weil sehr viele davon ausgehen, die/der andere hätte so zu sein wie man es erwartet oder aber - und das ist in Liebesbeziehungen der größte Irrglaube - sie/er habe die Aufgabe, einen glücklich zu machen. Eine Hoffnung, die in den meisten Fällen früher oder später jedoch an der Realität zerschellt, denn man kann niemanden „glücklich machen“.
Liebe und Zuneigung und alles, was man sagt und tut, sollte intrinsisch motiviert und frei von jedweder Erwartung erfolgen.
Liebe ist selbstlos und bedeutet, einander zu akzeptieren - natürlich im moralisch und gesetzlich konformen Rahmen. Ich sage das deshalb, weil jemand auf das Argument „Es geht den Vater nichts an“ schrieb „Na hoffentlich wird das Kind nicht zur Mörderin, dann wollen wir mal sehen, ob es dich dann etwas angeht.“ An diesem Beispiel wird deutlich, dass sehr vieles vollkommen fehlinterpretiert wird.
„Nicht angehen“ bedeutet nicht „egal sein“. Natürlich ist es niemandem egal, wenn das eigene Kind sich unmoralisch verhält. Aber man hat kein Recht auf Einmischung. Wenn man allerdings weiß, dass das Kind davor steht, ein Verbrechen zu begehen oder ein Verbrechen begangen hat, dann geht einen das nicht nur etwas an, sondern man hat sogar die Pflicht, es zu melden. Deshalb hört man in der Regel dennoch nicht auf, sein Kind zu lieben. Aber auch Elternliebe sollte Grenzen haben und keine Komplizenschaft bedeuten.
Zurück zum Geiz.
Wenn meine erwachsenen Kinder Geizhälse sind, kann ich mich zum Beispiel darüber wundern, weil ich selbst eher großzügig bin und sie es so kennengelernt haben.
Vielleicht finde ich ihren Geiz unsympathisch, das darf ich.
Ich darf auch fragen, ob ich vielleicht ein bestimmtes Thema mal ansprechen darf, das mir aufgefallen sei.
Aber in dem Sinne „angehen“ tut es mich eben nichts mehr, wenn sie meinen, geizig zu sein und andere - in meinen (!) Augen - auszunutzen, so lange man MICH nicht ausnutzt.
Es ist ihr Leben. Nicht meines. Es sind ihre Freunde, nicht meine. Und wenn sie sich nicht so verhalten wie ich das gerne hätte, ist das mein Problem aufgrund meiner eigenen Erwartungen.
Nicht ihres. Wenn mich das so dermaßen enttäuscht, dass ich es nicht aushalten kann, dann sollte die Schlussfolgerung nicht sein, dass sie sich zu ändern haben, sondern dass ich es entweder akzeptiere, den Kontakt minimiere oder abbreche. Oder dass ich vielleicht über meine eigenen Standpunkte und Prinzipien nachdenke.
Dasselbe Recht haben auch Kinder.
Niemals darf es heißen „Weil du mein Kind / mein Vater bist, hast du meine Erwartungen zu erfüllen, damit es mir gut geht.“
Wenn mich mein Kind um meine Meinung zu etwas bittet, darf ich mich darüber freuen, dass ich offenbar für vertrauenswürdig und kompetent gehalten werde, hier zu unterstützen. Ich darf Hilfe anbieten. Ich darf fragen und Vorschläge dahingehend machen, ob eventuell ein bestimmter Umgang mit einer Situation denkbar wäre, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, mit dem alle leben können. Das ist OK.
Alles andere jedoch ist Einmischung.
Und das ist eine Grenzüberschreitung.
Grenzen zu setzen, fällt vielen Menschen sehr schwer.
Weil sie es nicht gelernt haben.
Weil man es ihnen nicht beigebracht hat.
Weil sie ihre eigenen Grenzen gar nicht kennen.
Weil sie auch ihre Eltern als „grenzenlos“ erlebt haben.
Weil man ihre Grenzen häufig ungefragt überschritten hat.
Weil tagein, tagaus sehr häufig allerlei Grenzen überschritten werden.
Und dann wissen diese Menschen häufig auch nicht, wo die Grenzen anderen gegenüber liegen und meinen, diese nach Herzenslust übertreten zu dürfen.
In „Erwartungen“ und „Grenzen“ liegen die häufigsten Gründe für Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, gepaart mit Kommunikation, was jedoch eng zusammen hängt.
In meinen Beratungen saßen schon haufenweise Frauen, die sich darüber beschwerten, dass ihre Partner dieses oder jenes nicht täten, obwohl sie doch wissen müssten, dass sie das glücklich mache.
Hier müssen wir zunächst eine Trennlinie zwischen Arbeitsteilung im Haushalt und in der Erziehung und dem Paarleben ziehen, denn das erste betrifft das tägliche Miteinander, die Infrastruktur, die BEIDE gleichermaßen betrifft, die beide gleichermaßen gestalten sollten und von der beide gleichermaßen profitieren. Hier geht es nicht um die Erfüllung von subjektiven Erwartungen, sondern um praktische Aufgabenteilung. Das lässt sich in der Praxis normalerweise ganz gut benennen und regeln, wenn beide es wollen.
Die Frauen, die sich über mangelnde Zuneigung beklagen, meinen jedoch sehr häufig kleine oder große subjektiv bewertete Gesten wie Blumensträuße, Zettelchen, ein bestimmtes Geschenk, an einen Jahrestag zu denken, den Umgang mit Sex oder andere Situationen aus dem reinen Beziehungsleben, zumeist emotional besetzt.
Sehr häufig sind es die Frauen, die den Männern das Leben mit kleinen Gesten und Aufmerksamkeiten versüßen, sehr persönliche Geschenke machen, auf Feinheiten achten und ihre Zuneigung „beweisen“. Männer erwarten das aber tatsächlich sehr häufig gar nicht. Sie achten oft mehr auf das große Ganze. Wenn das für sie stimmt, ist die Welt OK.
Das soll nicht alle über einen Kamm scheren, trifft aber in den meisten Fällen nun einmal tatsächlich so zu.
Frauen hingegen haben sehr oft ein Idealbild im Kopf, das ihnen auf unterschiedlichen Kanälen von kleinauf vermittelt wurde. Der Prinz im edlen Gewand kommt auf dem weißen Ross daher und rettet die Prinzessin aus dem Turm. Klingt kitschig und maximal verstaubt, ist aber tatsächlich noch immer genau das, wovon sehr viele Frauen träumen. Der Prinz ist der aktive Eroberer, die Prinzessin die Passive, die gerettet werden muss.
Die Eroberung durch den stattlichen Prinzen, der seiner Holden seine Liebe gesteht und fortan mit ihr in den Regenbogen reitet, „bis dass der Tod sie scheidet“.
Lebenslanges Glücks-Abo.
Märchen enden aber in der Regel da, wo Beziehung eigentlich erst anfängt.
Das gilt auch für die häufig vollkommen verklärte Darstellung von Mutter- bzw. Elternschaft. Glücklich glucksende Babys und zufriedene Toddler dank bedürfnisorientierter Erziehung durch tiefengechillte Erwachsene in bonbonfarbenen Traumkinderzimmern.
Die Realität frisst dann die meisten bei lebendigem Leibe.
Es werden Erwartungen über Beziehungen in unsere Gehirne gepflanzt, die so unrealistisch und einseitig sind, dass man eigentlich von vornherein daran zweifeln müsste, dass das überhaupt möglich sein kann, wenn man sich einmal in der Welt umschaut.
Aber die durch rosarote Bilder und Symbolik gespeiste, naive Vorstellung von uns Menschen, dass es bei uns ja doch anders sein könnte, überwiegt eben immer wieder.
Die „Psychoökonomie“ erklärt dieses Phänomen recht anschaulich (Kahneman & Tversky, 1984)
Wir alle wissen eigentlich, dass die Chance, im Lotto zu gewinnen, gegen Null tendiert.
Kaufen wir uns aber nun einen Lottoschein, dann springt unsere subjektiv repräsentierte Chance zu gewinnen von „0 keine Chance“ sofort auf „die Chance ist klein, aber nicht mehr 0“, obwohl sie durch den Kauf eines Lottoscheins eigentlich noch immer quasi Null beträgt.
Und mit dieser hoffnungsvollen (unrealistischen) Erwartung, mit der wir einen Lottoschein erwerben, gehen wir auch häufig in jede Form von Beziehung. Mit der überhöhten und nicht unbedingt durch Fakten gestützten Erwartung auf Glück, Zufriedenheit, ewigen Honeymoon, stressfreie Elternschaft, gradlinige Karriereverläufe.
Denn eine entscheidende Variable lassen wir bei unserer Idee vom Glück oft aus:
dass es ja nicht nur um UNS geht, sondern auch um unser Gegenüber.
Und meine Erwartungen und deren/dessen Verhalten decken sich eben nicht zwingend.
Das müssen sie auch nicht, denn das ist nicht ihre Aufgabe.
In keiner Partnerschaftsanzeige und keiner Broschüre für werdende Eltern liest man „Du sollst meine Erwartungen erfüllen“. Und doch ist es oft genau das, was wir uns eigentlich wünschen.
Und dann folgt Enttäuschung.
Ent-Täuschung.
Denn wir fühlen uns getäuscht.
Tatsächlich wurde unsere eigene Täuschung jedoch vielmehr ent-tarnt.
Wir sind einer Illusion aufgesessen.
Der einzige Mensch, der mich glücklich machen kann, bin ich selbst.
In der Sekunde, wo ich ein bestimmtes Verhalten von anderen erwarte, kann ich nur enttäuscht werden.
Kinder sind nicht dazu da, unsere Vorstellungen oder unerfüllten Wünsche zu erfüllen.
Partner sind nicht dazu da, uns glücklich zu machen.
Tiere im Übrigen auch nicht (weil ich vorhin das Beispiel mit dem Hund genannt habe).
Aber dazu folgendes:
Hunde und Katzen sind sehr unterschiedlich.
Hunde gelten als eher unterwürfig und folgen Frauchen/Herrchen treu ergeben.
Sie wedeln mit dem Schwanz und holen Stöckchen, in Erwartung auf Lob und Leckerli.
Sie lassen sich dressieren, steuern und lenken und sie kommen, wenn wir sie rufen,
machen „Sitz“ und „Platz“ und lassen sich in ihrer wilden Natur zähmen und erziehen.
Sie tun, was wir von ihnen erwarten.
Hunde sind für den Menschen da.
Hunde erwarten Aufmerksamkeit.
Sie brauchen ihren Menschen.
Katzen hingegen sind selbstbestimmt.
Sie brauchen niemanden.
Sie erwarten nichts.
Sie erfüllen keine Erwartungen.
Sie kommen, wenn ihnen danach ist.
Sie gehen, wenn ihnen danach ist.
Wenn Katzen schmusen, dann von Herzen.
Wenn Katzen jemanden ablehnen, dann aus Gründen.
Katzen sind pragmatisch und dennoch sehr sensibel und feinfühlig.
Sie sind.
Und sie lassen andere sein.
Ich liebe alle Tiere.
Aber ganz besonders Katzen.
Sehr viele Menschen lehnen Katzen als „hinterhältig“ ab und bevorzugen Hunde.
Weil Hunde berechenbar und folgsam sind.
Die Liebe eines Hundes ist einem eigentlich immer gewiss.
Katzen hingegen kann man nicht beherrschen, nur überzeugen.
Die Liebe einer Katze verdient man sich - durch Freiheit und bedingungslose Zuneigung.



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