Be kind or be quiet!

Neulich wohnte ich einer Online-Diskussion bei, in der es um die didaktische und rhetorische Qualität in Bildungseinrichtungen ging, ein Thema, das mich aus vielerlei Hinsicht mittelbar und unmittelbar betrifft, da ich sowohl viele Jahre selbst vor Menschen stand, zum anderen reihenweise Weiterbildungsmaßnahmen besucht habe und ja nicht zuletzt aktuell zwei weitere Studiengänge absolviere.

In besagter Diskussion ging es ausschließlich um die häufig fehlende didaktische und rhetorische Kompetenz vieler ProfessorInnen, LehrerInnen, DozentInnen usw., die einem schon begegnet waren und darum, dass dies bei der Wissensvermittlung leider häufig nur eine untergeordnete Rolle spielte und somit auch das Lernverhalten vieler beeinflusse.

Vor anderen zu reden, ist nicht leicht, umso schwieriger ist es, Wissen zu vermitteln. Die hohe Kunst besteht darin, Wissen nach Möglichkeit so unterhaltsam und angenehm zu vermitteln, dass die Zuhörenden nicht einschlafen oder die misophonen und sprachsensiblen unter ihnen nicht durch Schmatz- und Einspeichelgeräusche oder ständige Verzögerungslaute wie „äh“ und „ähm“ getriggert werden.

Selbstverständlich liegt das nicht jeder und jedem, genausowenig wie jede:r gut tanzen oder singen kann. Es ist entweder ein Talent, oder man wurde entsprechend trainiert.

Bei Lehrpersonal fehlt es leider häufig an beidem - weder sind sie zuweilen besonders didaktisch und rhetorisch talentiert, noch erhalten sie ein entsprechendes Training, bevor sie auf die Lernenden losgelassen werden.

Ich persönlich habe den Anspruch an Menschen, die anderen etwas beibringen sollen, dass sie zumindest einigermaßen flüssig durch ihren Text kommen, also keine übermäßigen Pausen machen, nicht ständig Verzögerungslaute und Füllwörter sowie flüssige Sprache verwenden, so dass man ihnen gut folgen kann, und ich finde, das ist eigentlich ein absolutes Minimum an Erwartung in diesem Kontext: Wer vor anderen redet (professionell), sollte reden können.

Ich erwarte hingegen nicht, dass jemand eine geborene Rampensau ist, welche die Zuhörenden maximal entertaint, witzig ist und dabei auch noch geschmeidig in kunstvolle Sätze verpacktes Wissen so vermittelt, dass es eine pure Freude ist und man lieber im Klassenraum / Hörsaal sitzt als auf dem Sofa.

Und um eben diese Minimalerwartungen, die auch ich habe, ging es auch in der erwähnten Online-Debatte. 

Und NUR darum. Es wurde niemand persönlich beleidigt, es gab keine persönliche Kränkung, und die geäußerte Kritik bezog sich ausschließlich auf die genannten Skills. Es wurde sogar explizit darauf hingewiesen, wie schade es häufig ist, wenn bspw. Dozenten unfassbar sympathisch oder euphorisch sind, aber leider vollkommen unfähig, ihr Wissen an andere weiterzugeben.

Es stellte sich heraus, dass - wie das eben immer im Leben ist - die einen eher den einen und andere einen anderen Stil bevorzugten. 

So weit, so normal.

Bis plötzlich jemand in die Menge schrieb: „Boah, dieses ewige Gemeckere nervt! Stellt euch doch mal selbst da vorn hin! Das sind alles Leute, die ihr Fach beherrschen, das sind Experten, und ihr seid nur am Meckern! Wenn ihr nichts Nettes zu sagen habt, sagt lieber gar nichts!

Wie zu erwarten und SEHR bezeichnend in der Situation, folgten zwei Daumen die nach oben zeigten von Menschen, die sich bislang noch gar nicht an der Debatte beteiligt hatten, während ansonsten Schweigen herrschte.

Wow. 

Wie bitte?

Also mit anderen Worten: „Be kind or shut the fuck up?“

Kennt ihr den Spruch? Das war der Punkt, wo mein Blut leider etwas hochkochte, denn…

  1. …zum einen wurde in der gesamten Diskussion nicht ein einziges böses Wort im Sinne von „not kind“ geäußert, denn das wäre lediglich auf der Personenebene möglich. Die Debatte und Kritik fand jedoch ausschließlich auf der Sachebene statt und konnte insofern gar nicht richtig / falsch oder nett / gemein sein.
  2. Zum anderen ist das Argument „es seien schließlich alles Fachleute“ vollkommen irrelevant in dem Kontext, denn das würde ja bedeuten, dass jede:r Experte/in, egal auf welchem Gebiet, automatisch auch ein geborener Dozent und Entertainer wäre.         Totaler Nonsens. 
  3. Drittens, und das ist in diesem speziellen Fall von Bedeutung, ist Kommunikation etwas, das sich aus vielen einzelnen Signalen zusammensetzt, und sehr viele davon fehlen eben in einer Onlinediskussion, so dass es erheblich häufiger zu Missverständnissen, Fehlinterpretationen, Überbewertungen und Irrtümern kommt.
  4. Viertens: Sachliche Kritik muss definitiv immer möglich sein, wo Menschen zusammenkommen, und sollte nicht unterbunden werden, nur damit man nicht den Ruf riskiert „nicht nett“ zu sein. Wo kommen wir denn da hin?
  5. Als Folge daraus - was am allerschwersten wiegt - : Genau diese Haltung, „Be kind or be quiet“, ist eine fundamentale Bedingung für das Patriarchat, der ideale Nährboden für Machtmissbrauch, toxisches Verhalten, Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern, jede Form von Gewalt, besonders institutionelle Gewalt, und, last not least, einer der Hauptfaktoren für STRESS, besonders bei Frauen.

In diesem einen Satz „Wenn ihr nichts Nettes zu sagen habt, sagt lieber gar nichts! offenbarte sich ein immenses gesellschaftliches Problem, wenn nicht gar DAS Problem unserer Zeit, speziell dann, wenn es um Auseinandersetzungen geht, die nicht face to face stattfinden, und das ist eben heute mehr und mehr der Fall.

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wo genau ich da anfangen soll, weil es bei aller Banalität der eigentlichen Aussage doch so komplex ist.

Am besten starte ich bei dem häufig zu beobachtenden Phänomen, dass Menschen die Sachebene nicht von der Personenebene trennen können und gerne beides miteinander vermengen, vor allem mit den eigenen Emotionen.

Meinung, Fähigkeiten und Person, das sind unterschiedliche Dinge, die es zu separieren gilt.

Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, heißt das noch lange nicht, dass sie/er damit automatisch ein Arschloch ist. Genau in diese Richtung driften aber sehr, sehr häufig kontroverse Diskussionen. Bist du nicht meiner Meinung, bist du „lost“, „doof“ oder gar schlimmeres, bis hin zur Geschichtsklitterung.

Wenn also jemand sagt, dass beispielsweise der Professor XY über keine besonders guten rhetorischen Fähigkeiten verfügt, dann sollte dies auf Basis von fachlichen Qualitäts-Kriterien für Rhetorik erfolgen, also beispielsweise Stimme, Mimik, Gestik, Ausdrucksform, Artikulation.

Spricht der Professor also meiner Meinung nach zu leise, zu undeutlich, verwendet kaum Gesten und Mimik, stottert und verhaspelt sich häufig und verwendet nur komplizierte Schachtelsätze, in denen er sich häufig selbst während des Vortrags verliert, dann sage ich damit genau folgendes aus:

  • er spricht zu leise
  • er spricht zu undeutlich
  • er verwendet kaum Gesten und Mimik
  • er stottert und verhaspelt sich häufig
  • er verwendet nur komplizierte Schachtelsätze, in denen er sich häufig selbst während des Vortrags verliert

Aber ich sage nicht „Der ist total bescheuert!“ oder „Der ist eine Pfeife auf seinem Gebiet!“ oder „Der ist ein menschlicher Totalausfall!“

Ein Professor kann fachlich eine echte Koryphäe, aber rhetorisch dennoch vollkommen unfähig sein. Und gleichzeitig kann er ein wahnsinnig sympathischer Mensch sein, der für sein Fach brennt, nur eben leider nicht in der Lage ist, mittels Präsenz und Rhetorik auch bei anderen ein entsprechendes Feuer zu entfachen. 

Beides ist gleichzeitig möglich und sagt nichts über ihn als Menschen im eigentlichen Sinne aus.

Womit wir bei dem Argument wären „Er ist ein absoluter Experte, also habt ihr kein Recht, ihn zu kritisieren, (so lange ihr es nicht selbst besser macht)!“

DOCH! Natürlich kann man eine absolute Koryphäe in der Rhetorik kritisieren, weil das keinerlei Hinweis auf Kritik an der fachlichen Expertise, noch am Menschen selbst beinhaltet.

Problem Nummer drei: Diskussionen, die Online stattfinden, sind ein idealer Nährboden für Missverständnisse jeder Art. Kommunikation zwischen Menschen besteht ja nicht nur aus Worten, sondern das, was wir von anderen wahrnehmen, wenn sie uns gegenüber stehen oder von mir aus im TV zu sehen sind, setzt sich ja aus zahlreichen weiteren Eindrücken zusammen: Stimmlage, Betonung, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimmung, Umfeld, Zeit, Ort, Kontext, subjektive Wahrnehmung / Haltung usw.

Bei einer reinen Onlinediskussion fallen per se extrem wichtige Informationen über den Sender einer Aussage weg, nämlich Mimik, Gestik und allgemeine Informationen zur Körpersprache. Alles, was man nur geschrieben sieht, enthält mehrere Deutungsoptionen, die sich vor allem aus der Haltung und der Meinung des Empfängers speisen. 

Schreibt also jemand „Der Professor XY ist rhetorisch echt nicht so prickelnd.“, dann bedeutet das rein inhaltlich eigentlich nur, dass der Sender der Botschaft der Meinung ist, dass Professor XY (sachlich) rhetorische Defizite hat. Punkt.

Liest ein Empfänger darin aber ein „ständiges Gemecker“, dann kann sich das inhaltlich absolut nicht auf die Worte beziehen, sondern ist eine subjektive Interpretation, die wiederum viele Gründe haben kann. Vielleicht hat die-/derjenige einfach nur einen schlechten Tag. Oder sie/er ist tagein, tagaus selbst viel Kritik ausgesetzt. Oder aber, die Person ist so konditioniert worden, lieber gar nichts zu sagen als etwas / jemanden zu kritisieren und behält jede Form der Unzufriedenheit über etwas / jemand stets für sich.

Was uns zu Punkt vier und fünf führt.

Sachliche Kritik ist in jeder Form von Beziehung wichtig und nötig, denn auch sie ist ein wesentlicher Bestandteil von Kommunikation und des menschlichen Miteinanders. Das Problem ist, dass „Kritik“ für viele vornehmlich negativ konnotiert ist. Kritik ist für viele eine Art Synonym für „Mangel“, „Unzulänglichkeit“, „Fehlerhaftigkeit“ und „Versagen“. Ein Grund dafür liegt in unserer Leistungsgesellschaft, die zum einen bereits in jungen Jahren durch unser Schulsystem defizitär orientiert ist. Noten, die von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ reichen, beinhalten per se eine Bewertung, die die meisten auf sich als Ganzes, als Mensch beziehen, denn das ist das, was ihnen nicht selten sowohl seitens Lehrpersonal, als auch seitens Eltern signalisiert wird. 

Schlechte Noten = schlecht, schlecht, schlecht!!!! Oder mit anderen Worten: ICH bin schlecht!

Es wird sehr selten gesagt „Mach dir nichts draus, du hast eine 5 in Mathe, aber dafür bist du ein total liebenswürdiger und hilfsbereiter Mensch, der für unsere Klassengemeinschaft ganz doll wichtig ist!“

Im Prinzip werden von kleinauf nur jene Menschen / Tätigkeiten als wertvoll und sinnstiftend erachtet, die einigermaßen stromlinienförmig im Sinne der kapitalistischen Werteskala performen, also gute Noten schreiben, gute Abschlüsse machen, immer in Action sind, Ergebnisse abliefern und jede Sekunde möglichst maximal sinnvoll nutzen. Leistung und Perfektion bestimmen das Leben der meisten und vermeintliche Mängel = Abweichungen von den vermittelten Idealen wiegen spätestens seit den Sozialen Medien noch um ein vielfaches schwerer als früher. Da man sich permanent Vergleichen ausgesetzt und wie unter einem Brennglas fühlt, ist die Ich-Bezogenheit auch immer größer geworden und entsprechend auch die eigene Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Das Selbstbewusstsein der meisten speist sich aus der externen Bewertung von Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten. Dass eine gute Figur, ein cooler Look und eine perfekte Jawline aber nichts mit der Person, mit dem Menschen und dem, was ihn ausmacht, zu tun hat, verschweigen die Sozialen Medien und die Werbung generell. Das führt dazu, dass diverse Verzerrungen entstehen, umso mehr, wenn es um Kritik geht. Verschärft wird das Ganze in der Kommunikation beim Fehlen eben jener Signale, auf die doch so großer Wert gelegt wird, nämlich die Äußerlichkeiten des Gegenüber. Und somit gleitet der Fokus umso stärker auf uns selbst. Auf uns und das, was uns beschäftigt, umtreibt, nervt, triggert, kränkt, belastet - unsere Emotionen, unser Selbstbild, unser Selbstkonzept. 

Womit wir beim letzten, gravierendsten Punkt angekommen wären.

Das „Selbstbild“ oder „Selbstkonzept“ beinhaltet unsere Vorstellungen, Bewertungen und Einschätzungen unseres Selbst und repräsentiert unsere mentale Haltung in nahezu jedem gesellschaftlichen Kontext. Es umfasst das gesamte System unserer Überzeugungen zur eigenen Person und deren Bewertungen. Wir gehen dabei in der Regel natürlich davon aus, uns und unsere Überzeugungen zu kennen. Tatsächlich konzentriert sich die psychologische Forschung in jüngerer Zeit vermehrt auf die Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Selbstwert, wobei es hier mitunter erhebliche Diskrepanzen gibt.

Eine Studie mit Collegestudentinnen aus dem Jahr 2007 von Devos et al. zum Beispiel konnte aufzeigen, dass implizite Messungen einen subtilen, aber allgegenwärtigen Einfluss traditioneller Geschlechterrollen auf das Selbstverständnis der teilnehmenden jungen Frauen offenbarten.

Das heißt, dass unser Selbstkonzept für uns nur bedingt zugänglich ist.

Und wie entsteht das nun eigentlich, unser Selbstbild, unser Konzept von uns?

Einerseits durch Selbstbeobachtung und Selbstexploration von Erlebtem und den eigenen Handlungsoptionen in den unterschiedlichen Situationen, andererseits durch die Beurteilung durch andere und die daraus resultierenden Konsequenzen. 

Da das Selbstbild sich aus dem „Realselbst“ - dem Selbstbild, das man über sich hat - und dem „Idealselbst“ zusammen setzt - dem Bewusstsein von sich, wie man sein möchte bzw. wie andere es erwarten - liegt hier ein häufiges Spannungsfeld, nämlich immer dann, wenn zwischen Realselbst und Idealselbst Diskrepanzen entstehen. 

Da das Selbstkonzept in erster Linie durch äußere Erfahrungen, Forderungen der (primären) Bezugspersonen und Rückmeldungen von anderen entsteht und die Bedingungen für diese Bewertungen von anderen auf DEREN Wertmaßstäben basieren, kommt es so häufig zu einem Selbstkonzept, das zum Beispiel „Geliebtwerden“ an die Bedingung knüpft „Ich muss nett sein“, weil die meisten von  uns das so anerzogen bekommen.

Ganz besonders jedoch vermittelt man Mädchen das Gefühl, dass sie nett zu sein, sich um andere zu kümmern haben, rücksichts- und verständnisvoll sein sollen und keine Forderungen zu stellen, jedenfalls nicht nachdrücklich und laut, wenn sie ein „braves Mädchen sein und geliebt werden wollen“. Mädchen wird zwar heute vermittelt, dass sie alles können und sein dürfen, allerdings wird ihnen nicht zugestanden, ihre Ziele mit denselben Mitteln und Werkzeugen zu erkämpfen und zu verteidigen wie beispielsweise Jungen bzw. Männer. 

Auch hier findet der Grundstein in der frühen Sozialisation statt, indem es zum Beispiel für Jungs noch immer als absolut „normal“ und „konform“ erachtet wird, wenn sie raufen, („Jungs sind halt so!“), wohingegen ein sich kloppendes Mädchen eher als auffällig, renitent und zickig wahrgenommen wird. 

Diese Vermittlung von Regeln für „geschlechtskonformes“ Verhalten wird beileibe nicht immer auffällig und eindeutig, sondern in sehr vielen Fällen eher subtil und durch Mikrobotschaften vermittelt. 

In der Schule ist es absolut üblich und normal, dass Mädchen zwischen zwei Jungs platziert werden, wenn diese den Unterricht stören. Mädchen und Frauen werden im gesamten Alltag erheblich häufiger Aufgaben zugeschrieben, die mit Fürsorge und Empathie zu tun haben. In den Medien finden wir bis heute überwiegend unterschiedliche Zuschreibungen in Sachen Erscheinung und damit assoziierten Eigenschaften sowie in Kontexten, in denen Frauen und Männer gezeigt werden. 

Auch im Spielwarenbereich spiegelt sich exakt das wieder: die Babypuppen für die Mädchen, die Spielzeugwaffen für die Jungs. Mädchen malen und beschäftigen sich eher still und kreativ, Jungs brauchen die körperliche Herausforderung, Waffen und Heldenfiguren.

Dasselbe gilt im TV und in der Disneywelt: Mädchen, die „rebellisch“ sind, finden sich hier eher selten und gelten dann immer auch irgendwie als „auffällig“ und „besonders“, „anders“ eben.

Wenn ein Mädchen vehement einen Standpunkt vertritt und verteidigt, Situationen kritisiert und sich gegen gesellschaftlich akzeptierte und adaptierte Normen und Werte zur Wehr setzt, wird das tendenziell eher mit dem Prädikat „schwierig“ und „Querulantin“ versehen als bei einem Jungen.

Kritische Beiträge in Sozialen Medien werden häufiger bei weiblichen Kommentatoren abgewertet und als „Unsinn“ bezeichnet oder mit ihrer Person und Persönlichkeitseigenschaften in Zusammenhang gebracht als bei männlichen.

Und so zieht es sich durch alle Lebensbereiche und alle Altersphasen.

Hinzu kommen, besonders häufig, wenn Mädchen / Frauen Kritik äußern, Äußerungen wie „Das sagt man doch nicht“ oder „Nicht in dem Ton!“ oder „Der Ton macht die Musik!“ oder eben „Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts.“.

Frauen wird schon sehr früh ein Narrativ eingetrichtert, nach welchem sie einerseits immer schuld sind, wenn ihnen etwas Schlimmes oder Ungerechtes widerfährt, und sie andererseits eine demütige Opferrolle einzunehmen und sich doch bitte auch in die andere Seite hineinzuversetzen haben. Jedwede unfaire oder gar übergriffige Erfahrung haben sie zu 99% selbst durch ihr Verhalten zu verantworten und sollen dann erst recht nicht darüber reden, denn das schmälert ihre ohnehin geringe Glaubwürdigkeit nur zusätzlich, denn:

Frauen äußern keine Kritik. Und wenn, dann lügen sie ja eh.

Das sind klassische Dynamiken von Gaslighting und Schuldumkehr, die in jeder Art von Machtmissbrauchs-Konstellationen hervorragend funktionieren. 

Das führt dazu, dass es überwiegend die Frauen sind, die sich selbst bei noch so respektlosem, übergriffigem, falschen, gewalttätigen Verhalten lieber zurücknehmen, die Schuld bei sich selbst suchen und es immer und immer wieder mit Nettigkeit, Verständnis und Empathie versuchen, um ihrer Rolle gerecht zu werden anstatt sich verbal oder nötigenfalls mit Fäusten zur Wehr zu setzen. Und: sie schämen sich! Sie schämen sich sehr häufig für etwas, das ihnen angetan wurde. Und das wiederum führt zu weiterem Schweigen. 

Wie verrückt und FALSCH ist das?

Wisst ihr, was permanente Unterdrückung und Invalidierung der eigenen Meinung und der eigenen Empfindungen in einem Menschen bewirken? 

Spannung. 

Und Spannung bedeutet Stress.

Und zwar stetig und zunehmend. Unterdrückte Gefühle und Gedanken verschwinden ja nicht so einfach, sondern sie suchen sich einen Raum. Und dieser Raum ist - wie könnte es anders sein - in einem selbst. Nach und nach entsteht da also so eine Art Gefühls-Müllhalde, auf der all die ungesagten Gedanken, Gefühle und Worte landen, die man heruntergewürgt hat, weil man beigebracht bekommen hat „Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts“, mit allem, was an Rattenschwanz noch dranhängt an Erwartungen Frauen gegenüber. 

Und diese Müllhalde wächst und wächst, und irgendwann ist sie einfach zu groß, sie braucht Platz. Und dann sucht sie sich einen Weg, über den sie sich weiter ausdehnen und den entstandenen Überdruck ablassen kann. Das können Schlaflosigkeit sein, Schmerzen, Depressionen, Burn Out und vieles mehr.

Und apropos Burn Out:

Als Hauptursachen für Burn-Out gelten *)

  • Gefühlter Mangel an Einflussnahme
  • Nicht zu bewältigende Arbeitslast
  • Unzureichende Entlohnung / Anerkennung für Mühen
  • Fehlen einer unterstützenden Community
  • Fehlende Fairness
  • Unvereinbare Werte

Da passt das lieb sein und schweigen perfekt ins Bild.

All das ist so dermaßen in den meisten von uns verankert, „internalisiert“, dass dieses Herunterschlucken nicht nur zwischenmenschliches beinhaltet, sondern bis hin zu vollkommen banaler, rein sachlicher Kritik geht. Als Frau hat man nicht zu kritisieren, nicht aufzubegehren oder Missstände anzuprangern. Im Beruf gelten nach wie vor kritisierende, selbstbewusste Frauen als unempathische und karrieregeile „Boss Bitches“, wohingegen ein Mann „ein Macher ist, der sich nimmt, was ihm zusteht.“

Selbst, wenn Kritik absolut gerechtfertigt und nach sachlichen Kriterien zutreffend ist, wird sie, sofern sie von einer Frau geäußert wird, häufig völlig anders bewertet als wenn sie von einem Mann kommt.

„WENN DU NICHTS NETTES ZU SAGEN HAST, SAG LIEBER GAR NICHTS!“

Und genau diese Haltung, die man ihnen von kleinauf beigebracht hat, zeigen vor allem Frauen anderen Frauen gegenüber, wenn diese sich nicht an die „Gesetze der erwünschten weiblichen Verhaltensnormen“ halten wollen und Kritik an anderen, an Situationen, an Bedingungen, an Männern üben. 

Feminismus wird inzwischen nicht nur von vielen Männern belächelt oder / und verflucht („Frauen HABEN doch schon alles, die kriegen wohl nie genug!“), sondern auch von immer mehr Frauen als „einseitig männerfeindlich“ und somit „kontraproduktiv“ eingestuft.

Sei lieb zu den Männern, und du bekommst alles, was du willst. Du kommst geschmeidiger durch´s Leben, wenn du dich dem Patriarchat unterordnest.

Es gibt Frauen, die das als eine Art Lebensmodell und Strategie gewählt haben.

Das ist ihr gutes Recht. Einen Gefallen tun sie sich selbst, ihren Töchtern und ihren Mitfrauen damit aber nicht. 

Im alltäglichen Leben, im generellen Miteinander, in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Schul- und Berufsleben müssen und dürfen sich Frauen wehren können, sich behaupten, kritisieren und bemängeln und aufbegehren dürfen, ohne sich dabei direkt um dasselbe Stück vom Kuchen zu bringen, das Männern quasi bereits in ihrer Geburtsurkunde zugesichert wird.

Wenn das nämlich so ist und bleibt, hat das Patriarchat wieder einmal furios gesiegt.

Und so viele Frauen bemerken es noch nicht einmal, weil ihnen ihr nettes Schweigen, ihr permanentes Einfühlungsvermögen und ihre liebliche Kritiklosigkeit als ganz besonders wertvoll, positiv und liebenswert eingetrichtert wurde. Und das wollen sie doch so sehr:

GELIEBT WERDEN!

Im Kern besagt „Be kind or be quiet“ jedoch eigentlich, dass man andere aufgrund ihres Wesens nicht beleidigen, kränken oder abwerten soll. Genau genommen ist Artikel 3 des Grundgesetzes gemeint: Alle Menschen sind gleich, unbesehen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Sprache… you name it. 

Das Tun und Handeln eines jeden ist damit eigentlich nicht gemeint, und indem wir jede Kritik allgemein als „negativ“ bewerten, selbst wenn sie sachlich gerechtfertigt ist oder gar justiziabel, laufen wir mehr und mehr Gefahr, jedes Verhalten zu dulden, zu ertragen und nicht zu bemängeln, sei es auch noch so falsch oder schrecklich.

„Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts“, wird im Alltag heute mehr und mehr fehlinterpretiert, und das führt dazu, dass vor allem Frauen immer weniger den Mut aufbringen, Kritik zu äußern.

„Be nice or be quiet“, so wie es heute allzu häufig angewendet wird, ist aktives und mitunter sehr aggressives Silencing, ist Teil einer Cancel Culture, es ist ein Mundtotmachen, verpackt in ein angebliches Verhaltensregelwerk für zwischenmenschliches Miteinander, das jedoch bei genauerer Betrachtung vor allem für Frauen gilt und auch vornehmlich von Frauen maßregelnd geäußert wird.

Und das Ergebnis daraus schadet vor allem Frauen.

Es ist quasi eine Form des selbstverletzenden Verhaltens.

Und deshalb: 

Wenn du sachliche Kritik zu äußern hast, ist das OK. 

Sei höflich, aber in der Sache klar und standhaft.

Dann geht das voll klar.

Und wenn ihr jetzt denkt: „Meine Güte, was zur Hölle macht diese Frau denn aus diesem einen Satz!??!?!  Hat die denn keine echten Probleme? Man kann es auch echt übertreiben!“, dann bestätigt ihr damit jedes Wort, das ihr gerade gelesen habt.

I diesem Sinne:

Bleibt kritisch! 

Be kind but not quiet!












*) Christina Maslach, emeritierte Psychologieprofessorin von der University of California in Berkeley, Susan E. Jackson von Rutgers (State University of New Jersey) und Psychologieprofessor Michael Leiter von der Deakin University



 





 

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