Raus mit der Wut - aber auf die Richtung kommt es an

 


Kennt ihr das? Der Tag fängt schon so an, dass man mit dem berühmten „falschen Fuß“ aufsteht, dann fällt einem ständig etwas herunter, man stößt sich das Knie, findet nichts im Kleiderschrank, die Milch ist sauer, man wirft versehentlich die Kaffeetasse um und saut sich ein, muss sich wieder umziehen, derweil quengeln die Kinder, die Zeit drängt sowieso immer, und irgendwie möchte man entweder direkt wieder ins Bett und sich die Decke über den Kopf ziehen oder wahlweise laut brüllend bis zur totalen Erschöpfung auf etwas (oder wenn‘ s grad ganz arg ist, auch schon mal auf jemanden) mit dem Baseballschläger eindreschen.

Aber: Alternative 1 geht halt nicht, und Alternative 2 tun wir Frauen nicht. 
Natürlich nicht!
Also, die allerallermeisten von uns jedenfalls.

Aber warum eigentlich nicht?

Warum sind wir bei Wut und Frust so zurückhaltend, schlucken runter, unterdrücken, machen stattdessen Atemübungen, meditieren, schreien in ein Kissen oder beißen uns in die Faust, während Männer ihrer Wut durchaus gerne mal Luft verschaffen, sei es mit Lautstärke oder / uns Fäkalvokabular, aggressiver Fahrweise oder indem sie mit der Faust auf den Tisch oder schlimmstenfalls in irgendein Gesicht hauen?

Klar, wir verurteilen ein solch unkontrolliertes Verhalten, und Gewalt ist generell nichts, das ich persönlich jemandem als geeignete Kompensationsstrategie empfehlen würde.
Aber die Wut ist ja dennoch da, und sie ist in vielen Fällen nicht nur absolut legitim, sondern auch quasi gesellschaftlich einkalkuliert. 

Denn während wir Frauen vorrangig noch immer von kleinauf lernen, lieber zurückhaltender, stiller, freundlicher, ausgeglichener und ausgleichender, beschwichtigender und vor allem nicht sichtbar wütend und aggressiv zu sein, lernen wir zeitgleich, dass es unsere Aufgabe ist, uns um alles zu kümmern und die Welt am Laufen und somit die Männer bei Laune zu halten.

Es sind noch immer vor allem die Mädchen, denen man beibringt, im Haushalt zu helfen, das Baby zu schaukeln und zu füttern, der Mama zu assistieren und die kleinen Geschwister zu hüten und ihnen beim Schuhebinden zu helfen.

In der Schule setzt sich das fort, indem vor allem Mädchen für helfende, dekorative und organisierende Aufgaben herangezogen und auch sehr gerne mal als „Puffer“ zwischen zwei männliche Störenfriede platziert werden.

Sobald sie mal Mutter sind, geht das lustig so weiter. 
Neben der häuslichen / familiären Carerarbeit und dem damit verbundenen Mental Load, den sie zu mindestens 80% wuppen, sind es vor allem die Mütter, die in der Kita und Schule Material besorgen, basteln, Kuchen backen und Salat für Schulfeste zubereiten, die sich als Lesemütter engagieren, sich zu Elternsprechstunden abhetzen, Charity Walks und Klassenausflüge organisieren und begleiten und die die wichtigen Ehrenämter der Klassen- und Schulpflegschaft übernehmen.
Derweil stehen die Väter bei Kita- oder Schulveranstaltungen gern wichtig am Grill und schleppen allenfalls Kisten. 
„Männerkram“ halt.

Glaubt ihr nicht?
Isso.

Wir schreiben 2024, aber wo man hinschaut, sieht man absolut stereotype Aufgabenteilungen, spätestens sobald Kinder da sind.
Der gravierende Unterschied jedoch ist, dass Mütter heute zu großen Teilen eben auch noch bzw. schnell wieder berufstätig sind, aber dennoch den ganzen anderen Krempel rund um Kind, Haus, Hund und Familie stemmen.

Gilt es, irgendwo etwas zu planen, zu ordnen, zu organisieren oder am Laufen zu halten, sind es vor allem die Mädchen / Frauen, denen diese ehrenvollen Aufgaben zuteil werden - und derer sind es nun einmal massiv viele. Immer. Überall. Ganz besonders, wenn Kinder im Spiel sind.

Und so zieht es sich bis ins hohe Alter durch.
Frauen schleppen die gesamte Planungs-,  Organisations- und ausführende Last der Familie, der Kitas, der Schulen, der Pflege und der Gesellschaft, wo es sonst keiner tut oder/und mal wieder kein Geld da ist.

Und das alles ohne Murren, Knurren, Klagen, Pöbeln, Schimpfen, Baseballschläger und Gewalt.

Stattdessen aber mit ganz viel Depressionen / Burn Out und zuweilen Alkohol, um all das irgendwie hinzukriegen und den Frust, den Stress und die Wut irgendwie wegzuspülen.

Und da hat sich ein findiger GeschäftsMANN (wie sollte es anders sein?) gedacht:
„Mensch, mit all der Wut der Weiber lässt sich doch Kohle machen!“ und einen so genannten „Rageroom“ eröffnet, über den die SZ jüngst berichtete. *)

Schlagzeile:“ Wut ist für Frauen im öffentlichen Raum extrem unangemessen!“

Aha…nur für Frauen also.
Soso.

In diesem „Rageroom“ nun können Frauen, bei denen sich ganz viel Wut und Aggression über das System und die Strukturen, in denen sie leben, angestaut haben, ihren Emotionen freien Lauf lassen und mit Baseball- oder Golfschlägern auf Mobiliar eindreschen, bis der Arzt kommt.
Natürlich gegen Geld. 50 Euro pro Person. 

Der Artikel beginnt mit den Worten „Wen hasst du am allermeisten auf der Welt? (…) Stell dir das Gesicht vor! - Dann holt sie selbst aus, schreit, lässt den Golfschläger niedersausen.“

Wow!

In Deutschland ist das Geschäftsmodell noch recht neu, und es gibt erst einige wenige dieser Wuträume, aber in den USA ist es bereits ein Riesending, für das manch einer, je nachdem was man zertrümmern möchte, bis zu 1200 USD ausgibt. Ursprünglich kommt die Idee wohl aus Japan, wo mit Emotionen generell zurückhaltender und sparsamer umgegangen wird.

Clever Idee…eigentlich.

Der „Rageroom-Gründer“, um den es in dem SZ-Artikel geht, berichtet davon, dass sein „Hau-Drauf-Laden“ quasi ein Selbstläufer sei und seine Kundschaft vor allem aus vielen jungen Frauen bestehe. Hört hört.

Eine Psychologin kommt auch zu Wort und sagt „Für Wut gibt es kaum soziale Räume, in denen sie ausgelebt werden kann.“ 
Das stimmt.

Und dennoch ist die Wut da, und zwar mit Tendenz steigend laut „Global Emotions Report“.

Jeder kennt Wut, jeder weiß, wie es sich anfühlt.
Aber besonders Frauen legt man „negative“ Gefühle wie Wut noch negativer aus als sie es ohnehin schon sind. Und was tun viele Frauen, wenn sie merken, dass die Wut ihnen die Kehle zuschnürt? Genau, sie fangen an zu weinen. Wutweinen. Und das wird ihnen natürlich auch wieder negativ ausgelegt. Sie sind halt „zu emotional und nicht belastbar“.

Wütet ein Mann herum, verziehen wir vielleicht das Gesicht, kennen es aber irgendwie nicht anders. Männern sieht man ein solch unbeherrschtes, ja animalisches Verhalten eher nach, akzeptiert es gar als „typisch“ für ihr Geschlecht. Schon kleine Jungen dürfen eher raufen, brüllen, mit Stöcken und Holzschwertern kämpfen und den dicken Larry machen, wohingegen das bei Mädchen eher selten zu beobachten ist.

Dabei kommen Babys, unabhängig vom Geschlecht, ganz grundsätzlich zunächst einmal mit demselben Paket an möglichen Emotionen zur Welt. Babys reagieren bis zum Alter von ca. 18-24 Monaten mit Wut auf Situationen, die eine Art von Bedrängnis darstellen, und vermischen dieses Gefühl häufig mit anderen Gefühlen, zum Beispiel Traurigkeit, indem sie schreien und gleichzeitig weinen.
Werden sie älter, verfügen sie zunehmend über mehr Möglichkeiten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, indem sie sich zum Beispiel artikulieren können, und auch die Gründe, die Wut erzeugen, verändern sich, wenn Kinder nach und nach ein Verständnis für die Umstände einer Situation entwickeln.

Irgendwo in dieser Zeit biegen die meisten Eltern in eine bestimmte Richtung ab, was die Erziehung und die Vermittlung von Werten angeht, je nachdem, ob es eine Tochter oder ein Sohn ist, und leben das in dieser Weise auch mehrheitlich so vor. 

Aber selbst, wenn es Eltern gelingt, Stereotype zu durchbrechen, kommt die nächste Hürde in der Kita, wo das Kind auf gleichgeschlechtliche Peers trifft und womöglich anfängt, das eigene Aussehen, Verhalten oder die eigenen Überzeugungen erstmals in Frage zu stellen oder von anderen darauf hingewiesen wird, das Jungs eben so und Mädchen so zu sein haben.

In jedem Fall existieren all überall, wo auch immer wir hinschauen, traditionell vermittelte „typisch männliche“ und „typisch weiblich“ Eigenschaften und Werte, ob es uns passt oder nicht.

Und so entstehen kilometerlange Staus an Emotionen wie Wut, die Frauen nicht zeigen, weil Frauen das eben nicht tun.

Zeigt eine Frau öffentlich Wut, schaut böse, vertritt vehement ihren Standpunkt oder wird laut und wütend, ist das „unangemessen“, „zickig“, „kalt“. Sie ist schlimmstenfalls eine „ungefi..te Emanze“, braucht wohl „mal wieder einen Mann“ oder „soll mal mehr Yoga machen“, wohingegen ein ernstes Männergesicht und starrköpfige Beharrlichkeit bei Männern mit Seriosität, Durchsetzungsstärke und Kompetenz gleichgesetzt wird.

Sätze wie „Lächel doch mal“ oder „Wenn du lächelst, bist du gleich viel hübscher“ haben vermutlich die allerwenigsten Männer jemals in ihrem Leben gehört. Dafür aber vielleicht Sätze wie „Nun heul doch nicht, oder bist du ein Mädchen?“ oder „Echte Jungs tragen kein Rosa.“

Die „Ragerooms“ sind natürlich eine Möglichkeit, um mal so richtig die emotionale Sau rauszulassen. Und selbstverständlich ist das allemal besser als womöglich dem eigenen Kind im Affekt eine Ohrfeige zu verpassen oder der Dame vor uns an der Kasse den Einkaufswagen in die Hacken zu rammen, wenn einen mal wieder alles überrollt.

Und das gilt nicht nur für Frauen.

Aber sollten wir unsere Energie und unsere Wut nicht viel lieber darin investieren, gegen die Ursachen für all den Frust, den Stress und die Aggressionen aufzubegehren?
Gegen die Stereotype, gegen die Rollenzuweisungen, gegen das Rosa und Blau, gegen das ewige „das macht ein Mädchen nicht“ und das „naja, so sind Jungs nun einmal“?

Ich persönlich finde die Vorstellung, einfach mal mit einem Golfschläger alles kurz und klein zu schlagen und all den über die Jahrzehnte angestauten Frust laut herauszuschreien, durchaus sehr verlockend. Aber noch verlockender finde ich die Idee, dass meine Tochter zumindest diese Art von strukturell bedingtem Frust und Wut gar nicht mehr fühlen muss. 

Ich möchte, dass meine Tochter nicht den gesamten Load trägt, wenn sie vielleicht mal Kinder haben wird. 

Ich möchte, dass es selbstverständlich sein und als positiv betrachtet wird, wenn sie einmal Mutter sein wird und dennoch ihren Beruf ausüben will, und zwar ohne schiefe Blicke, ohne großen Spagat, ohne ein Plus an Stress und Generve und als Dank ein Minus auf dem Rentenkonto, ohne existenzielle Entbehrungen und ohne totale Selbstaufgabe.

Ich möchte, dass sie aber genauso gut entscheiden darf, dass sie zunächst bei ihrem Kind bleiben möchte, ohne dass ihre Karriere damit beendet ist, ohne dass sie dann „nur noch“ als Hausfrau und Mutter betrachtet wird, ohne dass sie plötzlich abrutscht.

Ich möchte, dass es auch ganz allein ihre überlassen wird, ohne jede Wertung, ob sie überhaupt Kinder bekommen möchte und ob oder wann sie ein Kind austragen möchte oder nicht.

Ich möchte, dass Männer ganz selbstverständlich anerkennen, dass jeder ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat, dass alle gleichwertig sind und dass Gefühle für jeden Menschen OK und wichtig sind, dass man sie zeigen und darüber reden darf und sogar sollte.

Ich möchte, dass der Mensch, den meine Tochter vielleicht eines Tages wählen wird, ganz selbstverständlich die Hälfte der Carearbeit übernimmt und sie mit ihm keine leidigen Diskussionen darüber führen muss, wessen Arbeit die wichtigere oder anstrengendere ist.

Ich möchte, dass meine Tochter und alle Frauen dieser Welt nicht sexualisiert werden, nicht ausgebeutet oder benutzt werden und dass sie sich ohne Angst und geifernde Blicke zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jeder Kleidung überall in der Öffentlichkeit bewegen können.

Ich möchte, dass Unternehmen es nicht als potenzielles Risiko sehen, wenn eine Frau im „gebärfähigen Alter“ ist und dass Geschlecht bei der Besetzung von Stellen einfach gar keine Rolle mehr spielt, außer dass es grundsätzlich paritätisch zugehen sollte.

Ich möchte, dass die Gesellschaft und die Politik sehen und anerkennen, wie unverzichtbar, wertvoll und fundamental das ist, was Frauen seit je her leisten und was nur Frauen seit je her können.

Ich möchte, dass nicht die Geschlechterfrage darüber entscheidet, welcher Platz Menschen quasi von Geburt an in der Gesellschaft zugewiesen wird, welche „typischen Eigenschaften“ oder äußeren Attribute sie haben sollen und welche davon dann eher als gut oder schlecht, passend oder unpassend definiert werden.

Ich möchte, dass Carearbeit angemessen honoriert wird.
Weil es Arbeit ist! Viel Arbeit! Wertvolle Arbeit! Systemrelevante Arbeit!

Und ich möchte, dass Gewalt gegen Frauen genau aus dem Grund stetig abnimmt, weil Männer es von kleinauf lernen, dass sie Emotionen, Sorgen und Ängste zeigen dürfen, dass Sex und Gewalt kein Zeichen von Macht sind und dass „Männlichkeit“ absolut gar nichts mit Lautstärke, Aggression, Brutalität, Autorität und Unterdrückung oder mit Farben oder Kleidung zu tun hat.

Und um sich für diese massiven Veränderungen einzusetzen, Aufklärungsarbeit zu leisten, Menschen aufzurütteln und zu beraten, mit ihnen zu arbeiten und sie zu begleiten, braucht es Energie. 

Braucht es Wut.

Denn Wut war noch immer einer der besten Kraftstoffe für den Motor, der Veränderungen vorantreibt - wenn man sie richtig einzusetzen weiß.
Und ich kloppe dann doch lieber meine Energie in den Motor der Veränderung als auf irgendein Möbelstück, noch dazu, wenn mal wieder ein Mann daran verdient.

Denn während sein Konto sich mit meiner Wut füllt, geht mein Leben mit all den Ungerechtigkeiten und meiner Wut genauso weiter.

Denkt mal drüber nach.

By the way: Feminismus nutzt allen!
Spread the news.







*) SZ, 11.4.2024, Joshua Beer  , Joshua 


Kommentare

Beliebte Posts