Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

Abgesehen davon, dass ich hier zwei junge Menschen unter meinem Dach leben habe, habe ich es auch sonst häufig mit Menschen quer durch alle Altersgruppen zu tun. 

Man bezeichnet Menschen heute nach ihrem Geburtsjahr jeweils als Generation Boomer, X, Y, Z oder Alpha.

Ich gehöre der Generation X an, die im Zeitraum 1965-1980 geboren ist. Dann folgt die Generation Y, die 1981 bis 1995 geboren wurde. Und schließlich die Generation Z, geboren 1996 bis 2012.

Diejenigen, die danach geboren wurden, gelten als Generation Alpha. Ab 2025 wird dann die Generation Beta geboren werden.

Und diejenigen, die vor 1965 zur Welt kamen, nämlich 1946-1965,  sind die Generation Babyboomer oder kurz „Boomer“.

Diese Abgrenzung und Zuordnung entbehrt natürlich jedem wissenschaftlichen, historischen oder gesellschaftlichen Referenzbezug und stellt nur ein soziologisches Konstrukt dar. Insofern sind natürlich auch alle den jeweiligen Gruppen zugeschriebenen Eigenschaften eher subjektiver und unwissenschaftlicher Natur.

Nichtsdestotrotz lässt sich nicht von der Hand weisen, dass man - je nach seinem Geburtsjahr - natürlich in sehr unterschiedlichen Lebenswelten aufgewachsen ist und mehrheitlich entsprechend unterschiedlich geprägt wurde.

Meine zwei Kinder gehören der Generation Z an. Die beiden liegen nur vier Jahre auseinander, aber selbst sie haben bereits unterschiedliche Bedingungen vorgefunden, als sie zur Welt kamen und aufwuchsen. 

Als ich ein Kind war, gab es drei TV-Sender, ich kenne noch Schwarzweißfernsehen, wir waren sehr viel draußen und haben viel zusammen unternommen, man hat face to face miteinander geredet oder allenfalls mit dem Telefon (mit Wählscheibe und später Tasten), und wir haben leidenschaftlich diskutiert, in der Sache gestritten und uns gemeinsam engagiert. Als ich zur Schule ging, gab es zwar den einen oder anderen Möchtegern-Despoten, aber alles in allem ging man fair und auf Augenhöhe mit uns um, obwohl wir gleichsam Respekt vor Lehrkräften hatten, was aber nicht gleichbedeutend mit Strammstehen und Jasagen gleichzusetzen war. Keineswegs. Ich kann mich an sehr leidenschaftliche Demonstrationen und Aktionen erinnern, die aber dennoch respektvoll und sachlich vonstatten gingen.

Ich erinnere mich sogar daran, dass eines der erklärten Unterrichtsinhalte das war, argumentativ leidenschaftlich, aber auf Sachebene zu diskutieren. Es gab Debattier-Stunden, in denen wir geübt haben, wie man seine Ziele vehement, aber sachlich sauber und gewaltfrei durchsetzen kann. 

Die Kindheit und Jugend, an die ich mich erinnere, war alles in allem gut, geprägt von sehr viel Neugier und Freiheit, aber auch von Kämpfen für noch mehr Freiheit. Und ich weiß auch, dass ich und all die anderen, die meiner Generation angehören, schon damals nur deshalb so viele Freiheiten genießen, weil andere vor uns diese für uns erkämpft hatten.

Und nach uns profitieren all die folgenden Generationen von mehr Freiheit, mehr Toleranz, mehr Diversität, mehr Gleichberechtigung.

Vor allem die Generation Z ist es nun, die sich ganz immens gegen so ziemlich alles ausspricht, was die Generationen davor gelernt und nach dem sie gelebt haben. Arbeit, Kapitalismus, Profit, Autos, Konsum, Globalisierung… you name it.

Dagegen ist ganz allgemein auch nichts zu sagen, und auch ich denke, dass wir den falschen Götzen gefolgt sind - zumindest in dem Ausmaß, wie wir es getan haben und bis heute tun. Alles, weil man uns glauben ließ, dass man alles bekommen und erreichen kann, wenn man nur hart genug arbeitet, und dass materielle Dinge den eigenen Erfolg und Wert definieren.

Das Ergebnis ist, dass sehr wenige fast alles haben und steuern, sehr viele immer weniger besitzen und dass immer mehr so wenig haben, dass es vorn und hinten nicht mehr reicht. Wer reich geboren wird, wird per Gesetz noch reicher, wer arm geboren wird, hat es um ein Vielfaches schwerer, überhaupt von der Stelle zu kommen, geschweige denn nach oben zu schwimmen, wenn überhaupt, denn ein Großteil bleibt einfach direkt liegen oder/ und geht dann vollends unter oder gibt nach einer gewissen Zeit auf.

Und auch die klassische „Mitte“ gibt es per se immer weniger, denn die Luft dort wird immer dünner.

Und als Bonus on top gibt´s die Klimakrise, die einen Rattenschwanz an weiteren unangenehmen Folgen nach sich zieht, die - wer hätt´s gedacht - natürlich wieder vor allem jene am härtesten treffen, die ohnehin bereits benachteiligt sind: Arme, Bildungsferne, Kranke, Frauen, Mädchen.

Und in dieser Situation ist es nun die Generation Z, die sich massiv dafür ausspricht, alles anders haben und alles anders machen zu wollen.

Aber:

Es soll bitte bequem sein. Und die bisherigen Errungenschaften wollen sie natürlich auch weiterhin genießen und von den von anderen erkämpften Rechten profitieren. Man trägt die In-Labels, hat die neuesten Smartphones, posiert den ganzen Tag für Tiktok und Bereal, verflucht aber gleichzeitig die Generationen davor und deren Werte und will natürlich auf KEINEN FALL so sein und so leben, erst recht nicht so reden, so agieren und so denken.

Und das wollen sie erreichen durch: LIEBE.

Liebe, Harmonie und Empathie.

Sie wollen alles ändern, aber sie wollen keinen Konflikt.

Getreu des Mottos: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Noch nie habe ich es in der Form beobachtet, dass eine ganze Generation so dermaßen Angst vor offen ausgetragenen Konflikten hat wie die Generation Z. Diskutieren, Streiten, Austauschen - ja, aber bitte immer nur mit einem Maximum an Empathie für die Gegenseite und ganz, ganz dick in Watte gepackt. Es soll jede:r (zumindest der eigenen Gruppe) Recht haben und bekommen, niemand soll irgendwie auch nur ansatzweise ein doofes Gefühl bekommen oder sich ausgegrenzt fühlen. Bestätigung ist das A und O.

Eigentlich will man am liebsten GAR keine Auseinandersetzungen oder Anstrengungen und alles einfach so bekommen und leben.

Wir haben uns alle lieb, jede:r darf alles sein und alles tun und sagen, ABER - Und das ist ein massiver Knackpunkt: Aber ICH habe generell recht, und du, die/der du nicht zu meiner Bubble gehörst, bist im Unrecht. Ich sage immer meine Meinung, aber ich diskutiere nicht, weil das wäre ja ein Konflikt, sondern ich kürze das in meinem Sinne ab, indem ich dir das Gefühl gebe, du seist falsch und politisch inkorrekt, weil du anderer Meinung bist. 

Genau so laufen Diskussionen mit der Generation Z sehr häufig ab.

Hier ein Beispiel für einen Chatverlauf, bei dem eine Gruppe von Menschen eigentlich gemeinsam gegen bestehende Regeln, die nachweislich diskriminierend sind, angehen wollten, also ein gemeinsames Ziel verfolgten, das ich jüngst genau so erlebt habe:


Gen Z: „Wir müssen echt dagegen angehen, denn das ist sehr ungerecht und diskriminierend, was die da machen.“

Gen Y/X: „Wir haben es bereits an entsprechender Stelle angeregt, aber man hat unsere Argumente abgewiesen und uns signalisiert, dass es eben so ist, wie es ist. Jetzt müssen wir wohl leider andere Mittel in Betracht ziehen, zum Beispiel Medien einbeziehen und die Diskriminierungskarte ziehen.“

Gen Z: „Ich finde, wir müssen uns in die Gegenseite hineinversetzen. Die haben ja Gründe, warum sie das so entscheiden. Ich finde es nicht gut, wenn wir da so harte Register ziehen.“

Gen X/Y:“ Aber du hast doch gehört, dass sie auf Argumente nicht reagieren.“

Gen Z:“Ich will das aber nicht, ich finde, dass wir nur friedlich und ohne solche harten Gangarten etwas erreichen können.“

Gen X/Y:“ Und wie willst du das schaffen, wenn sie uns bereits signalisiert haben, dass sie das nicht aufgrund unserer Argumente ändern wollen?“

Gen Z:“ Wir müssen den friedlichen Dialog suchen.“

Gen X/Y:“ Aber das haben wir doch bereits.“

Gen Z:“ Dann eben nochmal. Vielleicht haben sie ernsthafte Probleme und Gründe, die sie so entscheiden lassen, dann können wir ihnen vielleicht helfen.“

GenX/Y:“Helfen? Du weißt schon, dass diese Arbeitsgruppe gebildet wurde, um gegen die neuen Regularien anzugehen, die einen Großteil übergehen und diskriminieren? Es ist doch nicht unsere Aufgabe, deren Hausaufgaben zu machen.“

Gen Z:“ Ich finde, wir müssen uns in sie hineinfühlen, wir werden nichts erreichen, wenn wir feindselig und voller Hass sind und sie so übergehen.“

Gen Y/Z:“ Hass ? Feindselig? Sind wir doch gar nicht. Wir haben Argumente, die wollen sie nicht hören, und nun suchen wir uns andere Wege. Und ehrlich gesagt haben sie UNS doch übergangen.“

Gen Z:“ Ich finde, wir können nicht erwarten, dass sie etwas ändern, wenn wir so feindselig und böse sind und ihnen nicht zuhören.“

Gen X/Y:“ Nochmal: nicht WIR, sondern SIE hören uns doch nicht zu!“

Gen Z:“ Ich finde, wir müssen empathisch sein und signalisieren, dass wir absolut kein Interesse an einem Konflikt haben.“

Gen X/Y:“ Aber der Konflikt ist doch bereits da!“

Gen Z:“ Dann ist es unsere Aufgabe, etwas dagegen zu tun.“

Gen X/Y:“ Sag mal, WILLST du überhaupt, dass sie die Regularien ändern?“

Gen Z:“ Ich will doch nur, dass wir Rücksicht nehmen und ihre Argumente anhören.“

Gen X/Y:“ Aber das ist doch keine Einbahnstraße. Wir wollen doch etwas erreichen, und wenn die uns nicht zuhören, bleibt uns doch nichts anderes übrig.“

Gen Z:“Wir müssen uns hineinfühlen, es gibt bestimmt Gründe dafür.“

Gen X/Y:“ Komm… lass es gut sein. Wir kommen da nicht zusammen.“

Gen Z:“Was fällt euch denn ein, so mit mir zu reden, ich habe eine Meinung, und die darf ich sagen, und ich habe auch schonmal in Gremien mitgearbeitet!“

Gen X/Y:“Ja, aber wir haben halt eine andere Meinung und denken, dass wir so nicht weiter kommen.“

Viele aufgebrachte Gen Z:“ Das ist ja die Höhe, wie könnt ihr sie so aggressiv angehen, sie hat doch nur ihre Meinung gesagt!“

Gen X/Y:“ Ja - so wie wir auch. Und unsere Meinung ist halt eine andere. Ist doch OK.“

Viele aufgebrachte Gen Z:“Jaja, Generation Boomer wieder.“

Weitere aufgebrachte Gen Z:“Eure Kommunikationsweise ist echt unterirdisch, Meinungsdiktatur!“

(…)


Exakt so ist dieser Whats App-Gruppen-Chat verlaufen. Es ging noch weiter, indem die Wortführer der Gen.X/Y mit so lächerlichen Emojis und Memes beleidigt wurden und die Gen. Z sich gegenseitig beklatschte.


Don‘t get me wrong - ich mag auch keinen Streit, Stress und Krieg.

Aber ich weiß auch eines:

Ich kenne ehrlich gesagt keinen Planeten, keinen ernsthaften Dissens, keine heftige Meinungsverschiedenheit und keine Kluft zwischen Parteien, wo es einzig durch starke Empathie für sein Gegenüber und das Austauschen blumiger affirmierender Worte zu einer Veränderung im eigenen Sinne gekommen wäre.

(Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren.)

Natürlich sehe ich die Flower Power Bewegung vor mir, sehe Menschen, die einem Panzer Blümchen entgegenhalten. All das ist symbolisch ganz wunderbar und Frieden ist ein absolut erstrebenswerter Zustand, wenn nicht gar DER erstrebenswerteste aller Zustände.

Jedoch ist die Welt eben wie sie ist, und sie ist voll von Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, Diskriminierung, Unrecht, starken Machtgefällen, noch dazu geht sie gerade kaputt, und die Mächtigen bekommen all das einzig aus wirtschaftlichen Gründen und getrieben durch egoistische Machtmotive nicht hin bzw. haben nicht wirklich ein Interesse daran, das zu ändern.

Und außerdem besteht eine Kontroverse nun einmal daraus, dass sich Menschen über etwas auseinandersetzen und unterschiedliche Ansichten und Argumente in den Topf geworfen werden, und am Ende findet sich eine Mehrheit für die eine oder andere Seite und man hat ein Ergebnis oder man findet einen Kompromiss - oder auch nicht. Bis dahin ist es eben oft etwas steinig, beschwerlich und hitzig - und das ist OK. So lange man niemanden persönlich beleidigt und es lediglich in der Sache hart bleibt.

Aber genau das macht der Generation Z eine Höllenangst.

Offen ausgetragene Konflikte.

Sie wollen niemals auch nur den Anschein erwecken, sie würden jemanden kritisieren, ihn nicht in seinem Sein valideren, ihn für seine Gefühle abwerten - und gleichzeitig werten sie aber nach Herzenslust Andersdenkende, die eigentlich auf ihrer Seite stehen, ab und stellen sich über sie.

Die Generation Z ist die Generation, die gleichsam das Recht auf Toleranz, Empathie, Diversität und Individualität für sich proklamiert und gleichzeitig die intoleranteste, aggressivste und vor allem am wenigsten individuelle Generation ist.  

Sie wollen am liebsten alles ohne jede Mühe mit einer Umarmung und ganz viel Liebe verändernv - aber man muss halt schon ihrer Meinung sein, denn sonst ist man eh doof und (arrogantes Augenrollen) hat ja kein Ahnung.


Ganz besonders schadet diese äußerst toxische Form des pseudo-liberal-empathischen Umgangs der Sache der Frauen.

Was feministische Errungenschaften angeht, muss ich leider beobachten, dass hier Frauen aller Generationen zunehmend vom Perwoll-Syndrom befallen sind. Aber ganz besonders sind es die sehr jungen Frauen, die hier auffallen.

Sie genießen sämtliche Vorteile, Rechte und Freiheiten, die Generationen vor ihnen mitunter hart gegen viele Widerstände erkämpft haben, nehmen sich, was sie wollen (zumindest glauben sie das), feiern Prostitution und OnlyFans als höchste Stufe der Selbstbestimmung, und nebenbei beschimpfen sie Andersdenkende und Alt-Feministinnen als Nazis, Terfs und antifeministisch, wenn die ihre gleichsam berechtigten wie sachlich hervorgebrachten Bedenken hinsichtlich eines drohenden (eigentlich bereits existierenden) Backlashs äußern. 

Überhaupt hat die Generation Z das Recht auf RECHT gepachtet, und jedwede Lebenserfahrung und Expertise anderer Generationen wird mit einer Handbewegung und dem Wort „Boomer“ abgewertet und weggewischt.

Was wissen die schon, die „Alten“.

Ich liebe es, Kontroversen zu diskutieren. Ich diskutiere viel, leidenschaftlich und gerne. Aber ich mag es absolut nicht, wenn man mir einerseits mangelndes Verständnis und Intoleranz vorwirft, um mich dann im selben Moment massiv intolerant und vollkommen unbegründet zu beschimpfen, zu diffamieren und meine eigene Lebenserfahrung und Expertise in Frage zu stellen, nur weil ich nicht derselben Meinung bin. 

Und was das Schlimmste daran ist, ist der Umstand, dass wir Frauen uns damit erst recht keinen Gefallen tun, genau das zu tun, was man uns seit Jahrhunderten beibringt, nur um uns unter Kontrolle zu halten: Lieb sein, nicken, einfühlsam sein, immer friedlich sein und vor allem: Ja sagen. Ja zu denen, die NICHT in unserem Sinne agieren, die KEINE frauenfreundlichen Entscheidungen treffen, die NICHT unsere Gleichberechtigung im Sinn haben.

Wenn Frauen statt dessen die Gefechte im eigenen Lager austragen, nur um weiterhin lieb und nett und frei von jedweden Konflikten sein und in der Welt der Männer akzeptiert werden zu dürfen, wird genau das dazu führen, dass die Konflikte für Frauen bald wieder groß und größer werden und wir uns mehr und mehr in Situationen wiederfinden werden, in denen wir denken „Mensch, hier waren wir doch auch schon mal weiter, oder?“

Zum Beispiel waren wir tatsächlich schon einmal sehr viel weiter, was die Weiblichkeit angeht. Dinge, die nur und ausschließlich Frauen betreffen.

Als Frauen ihre BHs wegwarfen, sich oben ohne zeigten, über Sex und Masturbation sprachen und sich gegen patriarchale Strukturen auflehnten.

Und heute wird es als Sensation gefeiert, dass in Berlin die Frauen in Freibädern oben ohne sein dürfen. Es wird als Sensation gefeiert, wenn Hygieneprodukt-Hersteller Blut endlich in rot statt in blau zeigen. Es wird als Sensation gefeiert, wenn eine Frau ach so „mutig“ über Körperflüssigkeiten bei einer natürlichen Geburt spricht

Überhaupt, Geburt… was wird darüber einerseits für ein wahnsinniger Social-Media-Hype gemacht, aber andererseits wird die Frau und ihre einzigartige Fähigkeit, Kinder auszutragen und zu gebären immer mehr verleugnet und alles, was damit zu tun hat, soll entweder schick und glänzend sein oder abgewertet und vereinnahmt werden.

Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich sehe, wie unfassbar viele Accounts in den Sozialen Medien bejubelt werden, weil sie so genannte „Super Moms“ sind, die „super in shape, super in Multitasking, super in allem“ sind und in „super schicken und top dekorierten Behausungen“ leben mit perfekt gestylten Kids, die in perfekt sauberen und topschick eingerichteten Kinderzimmern aufwachsen dürfen. Und nebenbei sind diese Moms erfolgreiche „Influencerinnen“, die sehr häufig für Produkte werben, die die klassisch stereotyp definierte Rolle und Aufgaben der Frau noch manifestieren: Kosmetik, Klamotten, Babyprodukte.

Klar, es gibt auch die, die ihre Speckrollen zeigen und über ganz natürliche Dinge reden wie eben Geburt, Periode, Beckenboden, After Baby Body, Endometriose usw.

Aber die werden dann auch gefeiert wie Stars, weil sie so „mutig“ und „authentisch“ sind, sich dem Mainstream zu „widersetzen.“

WTF? 

Es kann doch nicht das Ziel der Frauenbewegung, des Feminismus, des Kampfes um Gleichberechtigung (gewesen) sein, dass wir Frauen uns nach wie vor den vornehmlich von Männern definierten Bedingungen, Idealen und Schönheitsdiktaten unterwerfen, unsere natürliche Weiblichkeit mit all ihren Besonderheiten und Fähigkeiten einerseits verleugnen und auf Teufel komm raus an die von ihnen gemachten Regeln anpassen, uns aber auf der anderen Seite weiterhin für das, was Weiblichkeit in ihren Augen ausmacht, bevormunden und ausbeuten und regelrecht enteignen lassen !

Da spiel ich nicht mit.

Was wir erreichen müssen ist, dass unsere Einzigartigkeit weder etwas ist, das man verstecken oder für das man sich schämen, noch etwas, für das man besonders mutig sein muss, und erst recht nicht etwas, das wir den Wünschen von Männern anpassen müssen.

Wir Frauen werden bis heute auf dem gesamten Globus für das, was wir sind, unterdrückt und angegriffen. Mal mehr, mal weniger. Aber nirgendwo auf dem gesamten Planeten herrscht echte Gleichberechtigung und Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. 

Seit Ewigkeiten müssen wir uns für alles, was wir tun und sind oder NICHT tun und NICHT sind, rechtfertigen. Nichts, das wir tun, sagen oder denken, ist jemals richtig oder genug.

Unsere Körper werden beurteilt, geshamed, geblamed, es wird uns vorgeschrieben, was „hot“ ist und was „not“, was wir tragen dürfen oder gerne sollen, wieviel wir zeigen dürfen oder sollen, ob wir Kinder bekommen oder uns dagegen entscheiden dürfen, ob wir Körperhaare haben dürfen, ob wir nein sagen dürfen, ob wir „nur“ Mutter sein wollen oder ob wir Karriere machen oder beides, ob und wie wir verhüten oder nicht, ob wir bluten und wie wir damit umgehen, ob wir stillen und vor allem, wo, ob, wie, dass und wieviel Sex wir haben oder nicht, was und wieviel wir essen, ob und wieviel Sport wir treiben, was wir mögen oder ablehnen, und, und, und… und wir kämpfen und kämpfen und ringen darum, dass eine männlich dominierte Welt uns endlich anerkennt und akzeptiert. Anerkennt, dass wir genau so kompetent (oder gar kompetenter) sind, dass wir Rechte haben, dass wir Bedürfnisse haben, dass wir Probleme haben, dass wir strukturell benachteiligt sind, dass wir unterdrückt werden, dass wir ausgebeutet und objektifiziert werden, dass es noch immer sehr viel offene(n) und verdeckte(n), strukturellen Sexismus und Misogynie gibt, und vor allem: dass die Definition von „Frauen“ nicht „Highheels, Kleid und Schminke“ ist! Solche lächerlichen Stereotype schaden Frauen UND Männern.

Warum müssen wir eigentlich für alles und jeden Dreck, den Männer bei ihrer Geburt gratis bekommen, kämpfen, uns vierteilen und kaputt schuften, und gleichzeitig wird von uns erwartet, dass wir Männer mit ihren Wehwehchen und Bedürfnissen bestätigen?

Und eine große Zahl an Frauen feiert diejenigen auch noch, die den mitunter übermenschlichen Spagat hinkriegen, alles unter einen Hut zu kriegen und nebenbei den gesamten Mental Load mit sich herumzuschleppen, während die meisten Männer so weitermachen wie bisher. Und Frauen, die dagegen aufbegehren und patriarchale Strukturen kritisieren, werden selbst von Frauen häufig attackiert, während die Männer, die sich in Care- und Hausarbeit einbringen, frenetisch bejubelt und gefeiert werden, als hätten sie ein Mittel gegen Krebs erfunden.

Und Männern, die „femininer“ gekleidet sind oder sich als “trans“ bezeichnen, wird der rote Teppich all unserer feministischen Errungenschaften ausgerollt, und sie werden wie Schwestern gefeiert (obwohl sie sich garantiert noch NIE für Frauenrechte eingesetzt haben), während die biologischen Schwestern mit faulen Eiern beworfen werden, weil „Wir jungen Frauen kämpfen nicht gegen Männer, wir haben Verständnis für sie, wir sind offen, frei und SO tolerant!“

Mädels! 

Wacht mal auf!

Seht ihr nicht, was da passiert?

Feminismus richtete sich NOCH NIE gegen Männer, sondern er war schon immer FÜR Frauen! Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und es ist ebenfalls ein Unterschied, gegen Männer zu sein oder gegen die Strukturen, die es Frauen schwerer machen als Männern und sie deutlich benachteiligen.

Was wir Frauen - egal, ob Generation X,Y,Z oder Alpha - wirklich brauchen, was uns hilft und die Welt zu einem besseren Ort macht, ist der gute alte Feminismus, ist Schwesternschaft, ist Zusammenhalt und Solidarität unter Frauen und keine Pseudo-Toleranz für die Vereinnahmung von dem, was uns ausmacht oder uns erst nach viel Widerstand zuerkannt wurde.

Und Toleranz bedeutet auch nicht, dass wir keine eigenen Rechte, keine eigene Bewegung und keine eigenen Räume beanspruchen dürfen.

Im Gegenteil, DAS ist intolerant und diskriminierend!

Was wir brauchen und was uns allen wirklich hilft, ist die bedingungslose Anerkennung und Unterstützung dessen, was wir sind.

Und dazu gehört bei uns Frauen (zumindest bei den meisten): Leben zu schenken. Kinder in die Welt zu setzen. Und die Anerkennung dessen bedeutet eben nicht, dass man uns einen Kitaplatz zur „besseren Vereinbarung von Job und Kind“ in Aussicht stellt, damit wir uns am besten schon drei Monate nach der Geburt (oder noch eher) zwischen Milchpumpe, Baby, Hormonen, Tagesbetreuung, Herd und Job zerreiben und vierteilen. Sondern es MUSS heißen, dass wir uns als Mutter nicht mehr dafür schämen müssen, dass wir menstruieren, dass wir schwanger sind, dass wir ausfallen, weil wir menstruieren oder schwanger sind, dass wir von Natur aus eine engere Bindung zu unseren Kindern haben, weil sie 9 Monate körperlich mit uns verbunden und in uns herangewachsen sind, dass wir Kinder stillen, dass unsere Brüste überlaufen, dass wir bei ihnen sein wollen, wenn sie krank sind, obwohl wir arbeiten, dass wir unseren Kindern stets den Vorzug geben zu einem Meeting und dass Neugeborene und Kleinkinder uns brauchen, um ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Und dasselbe muss - wenn auch nicht 1:1 - für Väter gelten. Ein kleiner Mensch muss einfach wichtiger sein dürfen als unser Job, unser Vorgesetzter, unsere Karriere.

Aber es darf nicht unser Ziel als Frauen sein, weiterhin um die Anerkennung durch Männer zu struggeln und uns an den von ihnen gesetzten Standards zu messen! Weil Männer Männer und Frauen Frauen sind. Und beide sind einzigartig.

In Skandinavien ist es vollkommen normal, dass jeder, egal, ob Frau oder Mann, auch in einer Führungsposition mitten im Meeting aufsteht und sagt „Sorry, muss jetzt die Lütte von der Kita abholen.“

Und niemand schaut dann schräg, niemand denkt „Die/der darf das aber nicht, weil sie/er schließlich einen Job hat“, niemand wird aufgrund der natürlichsten Sache der Welt, nämlich Eltern sein, benachteiligt.

Wenn eine Frau HIER schwanger ist, ist die Reaktion sehr häufig „Oh GOTT, wer soll denn jetzt den Job machen?“ oder „Und wie lange wollten Sie dann weg bleiben?“ oder „Und willst du dann weiter arbeiten?“

Ernsthaft…das ist zum Kotzen und zeigt sehr deutlich die Probleme, die wir haben.

WIR Frauen müssen uns entscheiden. WIR Frauen müssen uns rechtfertigen. WIR Frauen müssen uns dann Lösungen einfallen lassen und unsere Jobs, unseren Haushalt, unsere Partnerschaft und unsere sonstigen Angelegenheiten geschickt und mit dreifachem Rittberger, gestresst bis zum geht nicht mehr um unseren Job drum herum organisieren, um weiter arbeiten zu DÜRFEN, in der Regel aber nicht mehr mit denselben Karriere-Aussichten (wenn es die überhaupt je ernsthaft gab).

Oder wir müssen überall erklären, warum wir „nur“ Mutter sein wollen, und im Anschluss daran will keiner mehr wissen, dass wir davor tatsächlich auch mal „mehr“ waren als Mutter. Dieses „mehr“ beschreibt sehr schön, wie die Würdigung von Carearbeit hierzulande ist - sie ist wertlos. Nicht allein, dass sie nicht bezahlt wird, sondern man bekommt es an allen Ecken und Enden zu spüren, dass sie eigentlich keine „richtige“ Arbeit ist. 

Und genau so wird auch mit dem Nachwuchs umgegangen.

Der hat keine natürlichen Bedürfnisse zu haben und muss sich dem System genau so unterordnen wie die Mamas. Milchpumpen, U2-Kitas und Tagesmütter machen´s möglich.

Und für Schule und Bildung ist generell kein Geld da. 

—-

Ziel muss sein, dass nicht die Frauen / Familien / Kinder eierlegende Wollmilchsäue sind, die sich verbiegen und verdrehen, um irgendwie alles hinzukriegen und ernst genommen zu werden - nein, Ziel muss sein, dass die Politik und die Wirtschaft Frauen, Kinder und Familien ins Zentrum stellen. Die Menschen, die schließlich all das ermöglichen, was unser System am Laufen hält.

Ich kann es ehrlich gesagt schon selbst nicht mehr hören, aber ich erinnere wieder einmal an 2020-2022, Corona….WER hat dem System, das plötzlich lahmgelegt wurde, da vorwiegend den Ar.. gerettet? Genau! Frauen. Mütter. Auch einige Väter. Aber vor allem Frauen. Frauen, die im Homeoffice gleichzeitig Angestellte, Mutter, Ehefrau, Köchin, Erzieherin, Lehrerin, Pflegerin und … ach ja…auch noch sie selbst…obwohl, nein, dafür war keine Zeit mehr, sie selbst sein zu dürfen. Und es waren auch überwiegend Frauen in den „systemrelevanten“ Jobs. In der Pflege zum Beispiel.

Und was hat man seitdem bahnbrechendes für Frauen / Mütter und ihre Lebensrealitäten geändert?

Let me think about it…………… äh………wait………..Sekunde noch…………

Nee, mir fällt partout nichts ein.

Es gab ein paar wohlwollende Artikel in den Zeitungen. Manchmal bedankte sich ein Politiker artig für das, was Frauen so geleistet haben während Corona. Ach ja…und geklatscht wurde.

Wow.

Nein, nicht WIR sollten uns verrenken, um alles andere, das wir lieben, irgendwie um ein Berufsleben herumzuwickeln und schaffen zu können, um uns dann sagen zu lassen „Wow, SUPERMOM, wie sie das alles schafft, diese Mehrfachbelastung, chapeau!“, während wir im stillen Kämmerlein ausgebrannt und heulend auf dem Klo hocken, weil wir nicht mehr können.

Alles ANDERE muss von Politik und Arbeitgebern so drum herum geplant, geregelt und gefördert werden, damit es Frauen und Männern möglich ist, frei zu entscheiden, ob, wann und wie der Job, die Karriere und die Familie in welchem Verhältnis gelebt und gut organisiert werden kann und will, ohne dabei die Karriere oder die Gesundheit zu opfern und dennoch so etwas wie Lebensqualität zu haben.

Woran vieles, das Gleichstellung / -berechtigung betrifft, hierzulande scheitert und warum Frauen- und Kinderfeindlichkeit an der Tagesordnung sind, liegt daran, dass dieses Land noch immer strukturell patriarchalisch organisiert und geführt wird. Daran ändern auch ein paar halbherzige Quotenregelungen nichts.

Frauen sind strukturell benachteiligt, Mütter doppelt und dreifach.

Dass das nicht nur eine gefühlte Wahrheit, sondern Realität ist, darüber gibt es schwarz auf weiß Zahlen über Gender Pay Gap, Gender care Gap, Gender Health Gap, Gender Pension Gap.

Alles Dinge, mit denen die Genaration Z noch nicht wirklich konfrontiert wurde. Aber das wird sie über kurz oder lang. Auch, wenn sie eigentlich nichts mit all diesen Dingen zu tun haben will. All diese Probleme, mit denen sich ihre Eltern oder Großeltern so rumplagen bzw. rumgeplagt haben. Generation Z möchte gerne viel weniger arbeiten, viel mehr Spaß haben, aber denselben Komfort genießen, respektiert werden, ganz doll tolerant sein (wobei sie definiert, was tolerant heißt), sie will keine Konflikte und einen Lebensraum, in dem sie Luft zum atmen hat, die Tiere nicht leiden und die Sonne im Sommer scheint.

D´accord!

Nur bekommt man all das eben nicht geschenkt und erst recht nicht ohne jeden Widerstand und Konflikt.

Und damit wären wir wieder beim Ursprungsthema dieses Beitrags:

Wenn wir wollen, dass sich nachhaltig etwas verändert, werden wir nicht umhin kommen, in den offenen Konflikt zu gehen, laut zu sein, deutlich zu werden und zu kämpfen - fair, aber hart in der Sache. Es bringt uns keinen Millimeter einer besseren Welt oder besseren Lebens-Bedingungen für Frauen näher, wenn wir versuchen, immer die „anderen“ zu verstehen, uns in sie hinein zu versetzen, ihre Argumente nachzuvollziehen oder noch weitere Jahre friedlich, lieb und verzweifelt Überzeugungsarbeit zu leisten, damit wir als Frauen und vollwertige Mitglieder der Erde betrachtet und behandelt werden, die Rechte haben. Und zwar dieselben wie Männer. Und zwar nicht nur die alten, weißen! 

Ein Blick in die Kommentarspalten sämtlicher Medien sollte reichen, um zu verstehen und einzusehen, dass es eben nicht nur Boomer sind, die uns Frauen und Mädchen gerne den Mund verbieten und unsere vollwertige Daseinsberechtigung absprechen würden. Auch Unterhaltungen mit meiner 17jährigen Tochter und meinem 22jährigen Sohn bestätigen, dass gerade in der Generation Z und Y massiv viele konservative und misogyne Männer unterwegs sind, die es einen Schei… interessiert, wenn wir uns in sie und ihre Gefühlis hineinversetzen und versuchen, sie mit blumiger Sprache und gaaaanz viel Empathie von uns und unseren Wünschen und Rechten zu überzeugen.

Traurige Realität ist, dass sich sehr viele Jungs und Männer, jung, wie alt, einen Idealzustand wünschen, in dem sie selbst frei, unbeschwert und hemmungslos sein dürfen und eine Welt beherrschen, in der Frauen schön, lieb, mütterlich und sexy sind, während sie ihnen den Rücken von all den bösen Konflikten und hässlichen, sexlosen Feministinnen freihalten.

Leider sehen viele gerade junge Frauen nicht, dass sie mit ihrer „Toleranz“, ihrer Angst vor Konflikten und ihrer grenzenlosen Empathie, mit der sie doch die Welt von den Geißeln der Generationen zuvor befreien wollen, sich ihr eigenes Grab schaufeln.

Wer sich waschen will, kommt eben nicht umhin, sich nass zu machen.









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