Luise, Heinz und das moralische Dilemma

Stellt euch vor, ein/e sehr nahestehende/r Verwandte/r ist schwer erkrankt. Um sie/ihn zu retten, bedarf es eines extrem teuren Medikaments. Ihr habt das Geld nicht, und auch alle, die ihr bereits angepumpt habt, müssen verneinen. Auch die Bank sagt „No!“. Es ist hoffnungslos. Der geliebte Mensch wird sterben, weil euch das Geld fehlt. Es sei denn, ihr brecht in die Apotheke ein und stehlt das Medikament. Dann werdet ihr mit Sicherheit ins Gefängnis gehen. Egal, wie ihr euch entscheidet, in beiden Fällen, werdet ihr mit Konsequenzen leben müssen. 


Das, was ich hier in abgekürzter Form beschrieben habe, nennt sich das „Heinz-Dilemma“ und bezeichnet eine Situation, die einst im Rahmen der Forschung von Lawrence Kohlberg zur Entwicklung des moralischen Denkens und Urteilens von Kindern als hypothetisches Szenario entwickelt wurde.

Was tun? Was ist richtig, was falsch bzw. Was ist mehr richtig oder weniger falsch? Und warum? 

Kohlberg interessierte sich weniger für die Entscheidungen der Kinder, sondern um ihre Gedankengänge, ihre Überlegungen, die die Qualität des moralischen Denkens reflektierten und nach denen er die Fähigkeit und Reife der Kinder für ein moralisches Urteil in unterschiedliche Stufen einordnete.

Solche „moralischen Dilemmata“ kennen wir auch alle.

Zwei sehr gute Freunde feiern am selben Abend ihren Geburtstag und laden mich ein. Wo gehe ich hin, und wem sage ich ab und ziehe mir so eventuell den Zorn der- oder desjenigen zu?

Unsere Freundin hat ganz augenscheinlich ein Arschloch als Freund, ist aber blind vor Liebe. Was tun? Es ihr sagen und einen Streit und vielleicht das Ende der Freundschaft riskieren oder einfach wegschauen und sie ins offene Messer laufen lassen?

Unser Chef ist einer Kollegin gegenüber, die wir sehr mögen, massiv ungerecht. Sollen wir es ansprechen und uns den Unmut des Chefs zuziehen oder sollen wir unseren eigenen Drang nach Gerechtigkeit runterwürgen und so tun, als wäre alles OK?

Solche und ähnliche Dilemmata, die uns mit unseren Werten, unseren Wünschen und unserem Gewissen konfrontieren, kommen häufig vor und betreffen in der Regel nicht Leib und Leben wie im Heinz-Beispiel, ziehen wohl aber mitunter weitreichende Folgen nach sich, die wir uns eigentlich nicht wünschen.

Manchmal bedienen wir uns unserer Erfahrung und wägen Pro und Contra ab, um eine Entscheidung zu treffen. Manchmal sind wir aber auch einfach zu feige und tun garnichts, in der Hoffnung, das Problem möge sich in Luft auflösen. 

Dann verhalten wir uns ein bisschen so wie sehr kleine Kinder, die sich die Augen zuhalten und glauben, dass man sie nun nicht mehr sieht, weil sie selbst ja schließlich auch nichts mehr sehen. - Und das, obwohl wir reife, erwachsene Menschen sind.

Wie wir uns entscheiden und wie wir mit solchen Dilemmata umgehen, das hängt mit sehr vielen Faktoren zusammen. Mit der jeweils individuellen Ausgangssituation, mit unserer Kindheit, unserem Umfeld, unseren Werten, Prägungen, Mustern, unseren Erfahrungen, unserem Alter und unserem Wissen.

Kinder hingegen verfügen weder über Reife, noch Wissen, noch sind sie geistig, moralisch und sozial „fertige“ Wesen. Und sie kommen alle aus unterschiedlichen Familien mit unterschiedlichen Werten, Prägungen und Erfahrungen.

Was also tun Kinder, wenn sie in eine für sie ganz persönlich unerträgliche Situation eines moralischen Dilemmas kommen?

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Vor kurzem wurde bekannt, dass Luise, ein zwölfjähriges Mädchen, das zunächst als vermisst galt, von zwei gleichaltrigen Mädchen mit zahlreichen Messerstichen getötet wurde.

Eine schockierende und beinahe surreale Vorstellung für mich und viele andere. Ich habe zwei Kinder, die bereits 17 und 21 sind, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie waren, als sie 12 Jahre alt waren, also ungefähr in die sechste Klasse gingen.

Die Vorstellung, dass sie eineN Klassenkameradin/en mit - so liest man - mehr als 30 Messerstichen hätten töten können, ist in meinem Universum unvorstellbar. 

Das Gesetz sieht vor, dass Kinder/Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren nicht rechtlich belangt werden können, egal, was sie tun, da sie in der Regel noch nicht in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge und das gesamte Ausmaß eines Handelns einschätzen und glasklar Recht und Unrecht unterscheiden zu können.

Wie sehr viele andere denke natürlich auch ich, dass eine Zwölfjährige unter normalen Bedingungen zumindest durchaus weiß, dass man einen Menschen mit zahlreichen Messerstichen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit töten wird.

Und genau das ist der Punkt, an dem ich als angehende BA Psychologie und BA Bildungswissenschaften ansetze, wenn ich sagen muss, dass "unter normalen Bedingungen" genau das beschreibt, was das Gesetz im Sinn hat, wenn es Kinder unter 14 Jahren als nicht schuldfähig einschätzt.

Ich habe viele Jahre mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern und auch mit Erwachsenen aller gesellschaftlicher Schichten und Nationalitäten gearbeitet und habe viel gesehen und gehört. Besonders die Kinder und Jugendlichen haben es mir immer sehr angetan, da ich dort viel stummes Leid, unbefriedigte Bedürfnisse und Ungerechtigkeit gesehen habe.

Insofern kann ich sagen, dass es so etwas wie "normale Bedingungen" eigentlich gar nicht gibt. Und vielleicht auch noch nie gab.

Aber es gibt reichlich Forschung und Studien, die bestimmte Erkenntnisse liefern.

In einigen Zeitungen lesen wir nun, dass Luise von den zwei anderen Mädchen gemobbt und schikaniert worden sein soll und sich damit an die Erwachsenen gewendet hat, was vermutlich für die "Täterinnen"gewisse Folgen hatte. Ein Mädchen war vormals ihre beste Freundin. Diese soll daraufhin das zweite Mädchen manipuliert haben, und beide haben sodann Luise "als Racheakt" getötet.

Mobbing und Rache stehen also im Raum.

Viele schreien nun „Vorsatz!“.

Und die Frage, die man sich nun in der öffentlichen Diskussion stellt, ist vor allem die, ob man die Altersgrenze für die Strafmündigkeit nicht herabsetzen sollte.

Die Frage, die ICH hingegen stelle, ist diese:

Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, sich die Frage zu stellen, wie es sein kann, dass zwei Zwölf- bzw. Dreizehnjährige überhaupt auf die Idee kommen, ihr Mobbingopfer mit 30 Messerstichen zu töten? Und: Wie konnte es passieren, dass diese Mädchen so geworden sind? Was war da los?

Eines kann ich mit Sicherheit sagen: In der Regel kommen Kinder / Babys nicht bösartig und voller Hass zur Welt. Es gibt reihenweise Studien zur Entstehung von Gewaltbereitschaft, aggressives oder kriminelles Verhalten, und schon oft dachte man, man hätte DEN Grund gefunden, was sich jedoch im Nachhinein als falsch herausstellte. Denn weder gibt es dieses eine bestimmte Gen, noch diesen einen bestimmten Faktor, der immer und bei allen dazu führt, dass sie ausrasten. 

Lydia Benecke, Kriminalpsychologin und spezialisiert auf Gewalt- und Sexualstraftaten, sagt „Heutzutage ist eines ganz klar: Menschen sind sehr viel komplexer als nur Umwelt oder nur Gene. In Wirklichkeit sind wir das Produkt von komplexen Wechselwirkungen aus biologischen Faktoren und Umweltfaktoren.“

Bei Kindern kommt noch ein weiterer sehr wichtiger Faktor hinzu, nämlich ihr individueller geistiger, moralischer und sozialer Entwicklungsstand zum Zeitpunkt ihres Handelns, denn sie sind eben noch Kinder, und Kinder sind nun einmal keine kleinen Erwachsenen. 

Es gibt verschiedene Entwicklungstheorien, die jeweils die unterschiedlichen Faktoren, die sich auf die kindliche Entwicklung auswirken, behandeln und deren aktive oder passive Rolle im Fokus haben. Im wesentlichen spricht man von endogenistischen, exogenistischen, interaktionistischen und Selbstgestaltungs-Theorien. Freud, Kohlberg, Erikson und Piaget sind Namen, die immer fallen, geht es um die Entwicklung, unterschiedliche Entwicklungsstadien und Einflüsse bei Kindern.

Die Psychologie, so wie die meisten Wissenschaften, liefert nie Beweise für die Richtigkeit der einen oder anderen Theorie, sondern nur Wahrscheinlichkeiten auf Basis von Untersuchungen. Zahlreiche Studien konnten bereits Hinweise darauf liefern, dass die kindliche Entwicklung vor allem von der elterlichen Erziehung und dem Umfeld, der elterlichen Reaktionsfähigkeit und Wärme, dem soziokulturellen Status sowie als weiterem Faktor Stress, häufig im Zusammenhang mit Armut, abhängt. Auch gibt es Hinweise auf genetische und pränatale Faktoren.

Exakt das, was die Kriminalpsychologin Lydia Beneke also sagt. Es ist komplex, und es gibt kein Schwarz und Weiß und keine starre Regel.

Einigkeit besteht dahingehend, dass das Umfeld eines Neugeborenen / Kindes in der Regel einen erheblichen Einfluss auf seine weitere Entwicklung und auf seine Kernüberzeugungen hat. 

Was das jedoch in der Folge für jedes einzelne Kind für konkrete Auswirkungen hat, wie es im Alltag und in seinem Umfeld damit umgehen wird und wie seine individuelle Resilienz oder (Über-)Lebens-Strategie ist, dahingehend gibt es keine gesicherten Annahmen, allenfalls Faktoren, die als mit hoher Wahrscheinlichkeit einflussreich identifiziert werden konnten.

Es gibt Kinder, die mit viel Gewalt und Armut groß geworden sind, die sich irgendwie ohne größere Auffälligkeiten durchwurschteln und und im Erwachsenenleben erfolgreich und zufrieden werden, und es gibt viele Kinder, bei denen es unter sehr ähnlichen Bedingungen eben nicht so ist. 

Auch die Emotionsregulation und Frustrationstoleranz hängt in hohem Maße mit frühkindlichen Erfahrungen, Prägung, Erziehung und Umfeld ab.

Ein Baby, das wenig Zuwendung und Wärme erfahren hat, das, wenn es geweint hat, oft sich selbst überlassen oder gar ausgeschimpft wurde, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vollkommen anders mit Frust, Enttäuschung und Einsamkeit umgehen als eines, das stets liebevoll und bedürfnisorientiert aufgezogen wurde und gelernt hat, dass es auf sich und sein Umfeld vertrauen kann.

Bislang wissen wir wenig bis garnichts über Luise und die beiden Mädchen. Wir wissen nicht, in welchen Verhältnissen, mit welchen Voraussetzungen und unter welchen Bedingungen sie zur Welt gekommen und groß geworden sind.

Wir wissen nichts über ihre Eltern, das Umfeld, die Erziehung, die Beziehungen und die Prägungen, die Situation in der Schule und das Verhalten oder / und Engagement der anderen Kinder und Lehrkräfte dort.

Was ich jedoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann, ist, dass Mobbing häufig einem Grundbedürfnis folgt, sich gegen eine individuell wahrgenommene Bedrohung des eigenen Selbstwerts zu schützen. Mobbing-TäterInnen verfügen häufig über ein geringes Selbstwertgefühl und wenig Regulationsvermögen. Sie kennen keinen sicheren Ort, an den sie sich zurück ziehen oder an dem sie um Hilfe bitten können, wenn sie in einem Dilemma stecken. Ihr Safe Space ist ihr Ego, das es zu erhalten gilt.

Moralische Dilemmata können auch die Wahrnehmung einer Bedrohung des Egos betreffen. Und häufig fällt die Entscheidung bei sehr unreifen oder schwer vorbelasteten Menschen so aus: „Bevor ich verletzt werde, verletze ich lieber jemand anderen.“, „Bevor ich eventuell verletzbar und schwach erscheine, demonstriere ich lieber Macht.“ „Bevor ich meinen Safe Space riskiere, zerstöre ich lieber den eines anderen.“ 

Eventuelle Konsequenzen, die dieses scheinbar selbsterhaltende Handeln eventuell nach sich zieht, erscheinen weniger wichtig als der bloße Erhalt des eigenen Safe Space: Das kleine, verletzbare und hilflose Ego. 

Die Motive, die zu Mobbing führen, sind also in der Regel in der Person selbst zu finden. Antreiber sind sehr häufig Angst, Neid, Wut, Unzufriedenheit, mangelnde Kompetenzen in Kommunikation sowie gering ausgeprägte Konfliktfähigkeit. 

Die Gründe hierfür finden sich wiederum in den meisten Fällen im Elternhaus, in der Erziehung, im Umfeld, zum Beispiel, wenn zu Hause nicht geredet wird, erst recht nicht über Gefühle, wenn es zu Hause Probleme wie Alkoholismus, Drogenkonsum, Armut, Streit, oder Trennung/Scheidung gibt, wenn die Faust regiert, wenn es Missbrauch gibt, wenn Kinder zu gehorchen haben und keine eigenen Bedürfnisse äußern dürfen, wenn es einerseits Druck, aber andererseits keine Unterstützung gibt, wenn Geschwister unterschiedlich gut bzw. schlecht behandelt werden, wenn Kinder früh sich selbst überlassen werden oder wenn Kinder früh zu viel Verantwortung übernehmen müssen. 

In den letzten Jahren ist noch die so genannte "Wohlstandsverwahrlosung" immer mehr Teil verschiedener Diskussionen, wonach Kinder und Jugendliche zwar materiell und in ihren elementaren Grundbedürfnissen nach Essen, Kleidung und einem Dach über dem Kopf bestens versorgt, aber emotional massiv vernachlässigt und sich mit all ihren Gedanken, Sorgen und Nöten weitgehend selbst überlassen sind, was häufig dazu führt, dass sie sich dort Rat, Zuspruch und Bestätigung holen, wo leider auch sehr viel Gefahr, falsche Verbündete und Fehlinformationen lauern, nämlich im Netz, den Sozialen Medien.

Und genau dort ist auch ein beliebtes Zuhause von einerseits Abwertung und Mobbing und andererseits Selbsterhöhung und -verherrlichung.

Moral bzw. die Not einer Entscheidung bei moralischen Dilemmata sind in den sozialen Medien ausgehebelt. Man kann tun und lassen und sagen, was man will. Meistens ohne jede Konsequenz.

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Ich bin, wie bereits erwähnt, selbst zweifache Mutter, und die Vorstellung, jemand könnte meinem Kind etwas antun, es gar töten, zerreißt mich. Ich kann insofern SELBSTVERSTÄNDLICH absolut nachvollziehen, dass spontan Gedanken nach Strafe und Vergeltung aufkommen, und auch ich würde als Betroffene in meinem Schmerz ganz sicher zunächst nur eines im Sinn haben: irgendeine Form der Gerechtigkeit zu erlangen.

Aber jetzt, hier und heute sehe ich mich gewissermaßen als Anwältin von Frauen, Kindern und Jugendlichen - und da unterscheide ich nicht nach guten und bösen Kindern. Denn die gibt es in meinem Universum nicht. Nur Kinder, die mehr Glück hatten, die ein sehr warmherziges, förderliches Umfeld hatten und solche, bei denen es nicht so war. Und nur ein paar sehr, sehr wenige Kinder zeigen ein Verhalten, Auffälligkeiten oder Entwicklungen, die sich zumindest mit dem Umfeld nicht mehr erklären lassen.

Wenn wir versuchen, so objektiv wie möglich zu sein, werden wir einsehen, dass jede Form einer Strafe Luise nicht wieder lebendig machen oder das Leid und den Kummer schmälern würde und dass die beiden Mädchen aller Wahrscheinlichkeit nach selbst Opfer eines suboptimalen Umfelds sind.

Kein im klassischen Sinne gesundes,"normales" Kind der Welt kommt spontan einfach nur aus Lust und Laune auf die Idee, ein anderes Kind zu töten.

Kinder, die ein gewisses Potenzial an Gewaltbereitschaft - egal in welcher Form - an den Tag legen, sind vielleicht schon früher auffällig geworden. Sie zeigen womöglich schon länger noch weitere Anzeichen von irgendeinem Einfluss, unter dem sie stehen und der dafür sorgt oder zumindest begünstigt, dass diese Kinder Schwierigkeiten in der Schule, im Umgang mit anderen oder mit Regeln und Anpassung haben. 

Oder sie zeigen plötzlich bzw. erst seit geraumer Zeit ein anderes Verhalten als üblich.

In solchen Fällen ist es Aufgabe und Pflicht von Erwachsenen, sich der Sache anzunehmen und den Kindern zuzuhören und zu helfen.

Manchmal waren Familien bereits beim Jugendamt bekannt.

Manchmal wusste die Schule bereits von Problemen.

Und sehr oft wurde nicht genug  unternommen, weil es an Personal, Zeit und Geld mangelt.

Im Fall Luise war scheinbar bekannt, dass sie von den beiden anderen Mädchen gemobbt wurde. Luise soll den Mut gehabt haben, dies zu melden.

Welche Konsequenzen hatte dies?

Wurden diejenigen, die sie gemobbt haben, vielleicht vor der ganzen Klasse zur Rede gestellt und gedemütigt? 

Ich frage das, weil ich zum Beispiel genau das vor Jahren in der damals siebten Klasse meiner Tochter erlebt habe und entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlug in Anbetracht dieses pädagogisch mehr als fragwürdigen Umgangs mit jemandem, der auffällig geworden war. 

Ein bis dato unauffälliger Junge hatte sich in den vergangenen Wochen sehr verändert und störte den Unterricht und seine KlassenkameradInnen ständig. Irgendwann einmal beschloss die Klassenlehrerin, einen Stuhlkreis zu bilden, alle versammelten sich, und der betreffend Junge sollte sich in die Mitte setzen. Dann sollten alle Mitschülerinnen unter ihre Vorwürfe vorbringen. Das führte dazu, dass der Junge irgendwann einfach nur bitterlich weinte.

Wer hätte das nicht??

Wenn ein damals 13jähriger Junge quasi vor ein Tribunal gestellt und öffentlich geteert und gefedert wird, dann ist das pädagogisch eine Katastrophe. Es hatte zuvor weder ein Einzelgespräch mit dem Schüler, noch eines mit den Eltern stattgefunden. Wäre dies der Fall gewesen, dann hätte man gehört, dass die Familie plante umzuziehen, und der Junge sich sehr schwer tat mit dem Gedanken, sein gesamtes Umfeld, seine Freunde und seine Klassengemeinschaft zu verlieren. Sein verzweifelter Umgang damit war, auffällig zu sein. Und dann musste er auch noch eine solche öffentliche Anhörung über sich ergehen lassen.

Bei ihm führte all das dazu, dass er weinte.

Es wäre aber auch denkbar gewesen, dass seine Strategie die gewesen wäre, äußerlich keine Mine zu verziehen, aber innerlich so zu verhärten und so viel Wut und Frust aufzubauen, dass er das an irgendeinem Mitschüler ausgelassen hätte. 

Bei diesem Jungen kam es einmal in seinem bisher sehr geordneten, zufriedenen Leben in einer sehr liebevollen Familie (das weiß ich) zu einer unerfreulichen Dissonanz, einer Unruhe, einem Unsicherheitsfaktor, und das verstörte und verunsicherte ihn sehr, so dass er nicht so recht wusste, wie er damit umgehen sollte.

Nun gibt es aber Kinder, bei denen das seit ihrer Geburt so ist. Die seit sie auf der Welt sind kein Gefühl der Sicherheit kennen. Die vielleicht  und infolgedessen Strategin und Schutzmechanismen entwickelt haben, die von außen betrachten vielleicht als auffällig und nicht konform bezeichnet werden können, jedoch allein er Selbsterhaltung dienen.

Ich weiß, wovon ich rede.

Und es gibt zu viele Kinder, die in einem Umfeld von totaler Unsicherheit, Unruhe, Ungerechtigkeit, mit nicht kindgerechten traditionellen Mustern und vielleicht sogar Gewalt und Bedrohung groß werden. 

Aber das muss gar nicht der Fall sein. Allein die fehlende Zuverlässigkeit und altersgerechte Zuwendung einer wichtigen Bezugsperson kann bereits zu einer Bindungsstörung mit Verhaltensauffälligkeiten führen.

Spielen wir die Situation einmal durch und versuchen, uns in die Situation einer Zwölfjährigen zu versetzen, die in ihrem Leben bereits häufig ignoriert, nicht geliebt und allein gelassen wurde und in Folge ein geringes Ego sowie bestimmte Kompensationsstrategien entwickelt hat, indem sie sich selbst durch die Herabsetzung anderer erhöht. 

Nun wird dieses Mädchen öffentlich bloßgestellt.

Und es hat weder gelernt, noch bekommt es weitere Unterstützung dabei, mit all seinen bisherigen Erfahrungen und dieser gefühlt weiteren Erniedrigung umzugehen.

Welches Gefühl mag sich wohl in jemandem anstauen, der in so einem Leben steckt? Wieviele von uns kennen selbst dieses Gefühl der Ohnmacht? Zum Beispiel in missbräuchlichen Beziehungen (die übrigens häufig eine Folge der Bindungserfahrungen in der Kindheit sind)? 

Wir Erwachsenen empfinden vielleicht Trauer, Kummer, Wut, hegen vielleicht Gedanken daran, jemandem einen Baseballschläger um die Ohren zu hauen, der uns - vermeintlich - schlecht oder ungerecht behandelt, aber wir werden diesem Gedanken in der Regel nicht nachgehen, da wir ein moralisches Bewusstsein haben und uns darüber voll im Klaren sind, dass wir danach sehr wahrscheinlich vorbestraft sein oder gar ins Gefängnis wandern werden.

Eine Zwölfjährige hingegen hat vielleicht nie gelernt, ihre Gefühle zunächst richtig zu identifizieren, einzuordnen und sich dann zu regulieren, weil sie genau weiß, was danach passieren wird. 

(Im Übrigen können das selbst viele Erwachsene tatsächlich auch nicht, da Gefühle noch immer eine riesengroße Blackbox sind, die in vielen Elternhäusern und Beziehungen nicht klar und deutlich artikuliert und kommuniziert wird.)

Natürlich kann man annehmen, dass eine Zwölf- oder Dreizehnjährige wohl weiß, dass man jemanden mit zahlreichen Messerstichen in den Leib töten wird.

Aber das bedeutet eben noch lange nicht, dass sie tatsächlich schuldfähig im Sinne des Gesetzes ist. Denn der geistige, moralische und soziale Entwicklungsstand und die Fähigkeit Dinge vollends zu Ende zu denken und in all ihrer Komplexität, all den Auswirkungen und Folgen auf richtig, falsch, ratsam oder sinnlos zu analysieren, fehlt Kindern in dem Alter eben für gewöhnlich.

Und selbst viele Erwachsene überschauen doch die Ursache-Wirkung-Problematik kaum, geht es um unseren eigenen Alltag, unsere eigenen Prägungen, Belastungen und Verhaltensweisen. Denken wir doch mal an den Straßenverkehr. Was sich da zuweilen abspielt, zeugt in keiner Weise von einer geistigen und moralischen Reife, die viele jetzt von einem Kind erwarten.

Oder dies hier:

Wenn wir plötzlich eine Panikattacke bekommen. Wenn wir plötzlich wie aus dem Nichts anfangen zu weinen. Wenn wir unser Kind anbrüllen. Wenn wir unsere Wut an einem Gegenstand auslassen.

Kennen wir das nicht auch?

Das ist das Problem mit Menschen.

Sie sind komplexe Wesen.

Jetzt sagen einige „Jaja, immer alles auf die Eltern und die Kindheit schieben, das kann ja nicht die Entschuldigung für Mord sein!“

Einem geistig „normal“ entwickelten Erwachsenen kann man natürlich durchaus unterstellen, dass er in seinem Leben die Möglichkeit und die Gelegenheit gehabt hätte, sich, sein Verhalten und seine Erfahrungen zu reflektieren und seine Kindheit aufzuarbeiten. 

Aber selbst bei vielen Erwachsenen ist das sehr häufig nicht der Fall. Selbst Erwachsene sind häufig uneinsichtig und unreflektiert, was ihren eigenen Anteil der „Schuld“ an einer Situation angeht. Selbst Erwachsene sagen Dinge wie „Aber sie/er hat  mich provoziert!“ oder „Ich hatte keine andere Wahl!“ oder „Sie/er hat mich dazu gebracht!“

Und da wollen wir Zwölf- / Dreizehnjährige vor ein Gericht stellen und für einen Mord verurteilen?

Aber damit nicht genug.

Was genau wollen wir erreichen, wenn wir ein Kind in eine Strafvollzugsanstalt stecken? Dass es bereut? Dass es einsieht, etwas sehr Schlimmes und Falsches getan zu haben?

Das werden diese Mädchen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch durch die Behandlung, die sie nun erfahren. Denn sie wurden aus ihren Familien genommen, stehen unter der Obhut von Jugendamt, SozialpädagiogInnen , PsychologInnen, sie werden womöglich in entsprechende Einrichtungen kommen und sich mit ihrer Tat auseinander setzen müssen. 

Was einige scheinbar für einen Kuschelkurs halten, ist für ein Kind in dem Alter normalerweise eine Tortur. Raus aus der Familie, aus dem gewohnten Umfeld, aus allem, was einem vertraut ist und irgendwie beherrschbar war. Rein in eine fremde Umgebung. Sich vielen Fragen und den eigenen Sorgen und Problemen stellen. Reflektieren, erinnern, denken, analysieren, aufarbeiten.

Das ist etwas, dem sogar ein nicht unerheblicher Teil der Erwachsenen oft ein Leben lang aus dem Weg geht, weil es anstrengend, belastend, erdrückend bis traumatisch sein kann.

Sich den eigenen Dämonen zu stellen. 

Aber geht es nicht eigentlich genau darum? Das Dunkle, Erdrückende und Böse in uns zu finden und zu besiegen?

Oder ist es doch eher Vergeltung, Rache, Gerechtigkeit, nach der es uns so sehr gelüstet? 

Sind wir also im Fall Luise der Überzeugung, dass dieses Kind jedwede Chance auf ein Leben vertan hat, weil es einem anderen Kind diese Chance genommen hat?

Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Diesen Gedanken zu Ende gespielt, müssten wir jeden Mörder töten, jedem Dieb die Hand abhacken und jeden Vergewaltiger kastrieren.

Ich weiß, dass einige sich das tatsächlich wünschen.

Und der Impuls, jemandem, der mir bzw. meinem Kind etwas Grausames antut, etwas ebenso Grausames antun zu wollen, ist menschlich, nachvollziehbar und emotional erklärbar.

Aber er macht das Geschehene nicht ungeschehen.

Er macht die Welt nicht besser, sondern eher schlimmer.

Er nimmt uns nicht die Trauerarbeit ab, sondern macht uns bitter.

Er macht uns selbst zu etwas, das wir bei anderen verurteilen.

Und er sorgt auf keinen Fall dafür, dass so etwas nie wieder passieren wird, denn der Effekt einer abschreckenden Wirkung durch harte Strafen ist für andere potenzielle TäterInnen eben geringer als wie glauben. Und das liegt auch daran, dass das „Böse“ in uns allen eben oft unberechenbar und nicht rational steuerbar ist. Das kann es nur durch uns selbst. Mit Unterstützung von Menschen, die sich auskennen. 

Erinnere dich.

Als du ein Kind warst.

Du hattest etwas verbockt.

Angenommen, deine Eltern haben mit Wut, lautstark oder gar mit körperlicher Gewalt reagiert?

Was hast duz gedacht? Was hast du nachhaltig und wirklich sinnvoll daraus gelernt?

Und dann stell dir vor, du hast als Kind etwas verbockt, und deine Eltern nehmen dich beiseite, fahren mit dir an einen speziellen Ort, reden mit dir, hören dir zu, beschäftigen sich mit dir und dem, was du getan hast und geben dir Gelegenheit dazu, darüber nachzudenken und es demnächst besser zu machen.

Ganz ohne Wut und Gewalt.

Was lernst du daraus?

Was wählst du?

Was glaubst du, bringt dir und deiner Umwelt auf lange Sicht mehr?

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Gewalt unter Kindern und Jugendlichen nimmt zu. Und wir müssen uns die Frage stellen, wie es dazu kommen kann und was wir dagegen tun können. Es ist zu einfach zu sagen, „sperren wir die Bösen weg“. Denn es ist nie eine einfache Rechnung. Kinder kommen nicht böse zur Welt. Aber sie kommen oft in einem ungünstigen Umfeld zur Welt. Oder sie geraten zwischen Fronten. Oder ihre bislang heile Welt geht plötzlich verloren. Oder sie sind allein - unter vielen. Und das hat kein Kind verdient. Alle Kinder verdienen dieselbe Chance, glücklich zu sein. Aber nicht alle kommen mit derselben Chance zur Welt. Und das auszugleichen, abzufangen und zu helfen, ist unser Job. Nicht ihrer. Wir alle, die Familien, der Staat, die Bildungseinrichtungen, die Gesellschaft tragen Verantwortung für unsere Kinder. 

Und zwar für alle Kinder und Jugendlichen. Denn sie hatten keine Wahl.

† In Gedenken an Luise und mit tiefem Mitgefühl für die, die sie geliebt haben. Ich wünsche Ihnen Kraft und den Mut, weiterzumachen.












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