Freakshows, Opfer und die freie Entscheidung
Kürzlich las ich, dass ein Protagonist, der bei einem Fernsehformat eines Privatsenders mitgemacht hatte, sich nun darüber beschwerte, wie man mit ihm umgegangen sei, dass man Psychospielchen mit ihm gespielt habe und dass sein Leben nach der Ausstrahlung der Sendung ruiniert wäre. Das Format handelt von Hartz IV-Empfängern in Deutschland und deren täglichen Problemen.
Ich kenne die Sendung nicht, habe aber eine Ahnung davon, wie Menschen in Sendungen einiger Privatsender dargestellt werden. Man arbeitet in einigen Formaten mit Laiendarstellern, gerne werden Protagonisten ausgewählt, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat oder die auf die eine oder andere Art als belastet oder benachteiligt gelten, und meistens kommen sie nicht allzu gut dabei weg. Sie werden als einfältig, chaotisch, naiv und dumm dargestellt, und ihre täglichen Kämpfe, wahlweise mit Geld, Arbeit, Kindern, Gewicht oder ihren Mitmenschen, sorgen durch die Art der Darstellung häufig unfreiwillig für Komik oder Irritation und entsprechend Lachen Kopfschütteln oder Aufregung beim voyeuristischen Zuschauer.
Aber auch in anderen TV-Formaten, die sich nicht primär dem Rand der Gesellschaft, sondern bestimmten Talenten, der Schönheit oder einem bestimmten Ereignis im Leben der Protagonisten widmen, geht es häufig vor allem darum, dem Publikum menschliche Dramen, Schwächen, Marotten und Macken möglichst hautnah rüberzubringen. Der Zuschauer* fiebert mit, entwickelt Sympathien und Antipathien, lacht, weint und flucht mit „seinen“ Teilzeit-Helden*. Häufig liest man dann hinterher, dass ein Mitwirkender* sich über die einseitige Darstellung seiner Person beschwert oder dass die eine oder andere seiner Aussagen völlig aus dem Kontext gerissen gezeigt worden sei.
Schöne, bunte Medienwelt.
Bleiben wir beim eingangs erwähnten TV-Format. Da werden die Ärmsten unserer Gesellschaft einem Publikum vorgeführt. Das Ganze geschieht zwar unter dem Deckmantel der Sozialkritik und des Mitleids, aber jeder denkende Mensch weiß, dass es ausschließlich um Quote geht.
Im Mittelalter sorgten Gaukler und Spielleute für die Unterhaltung. Im 16.-18. Jahrhundert bespaßten Hofnarren die regierenden Herrscher. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte man Frauen, die unter Hirsutismus litten (Bartwuchs / maskuline Behaarung) und andere Menschen mit biologischen Auffälligkeiten im Zirkus als so genannte „Freaks“ zur Schau, häufig gegen ihren Willen, manchmal verdienten sie sich so ihren Lebensunterhalt.
Die Freaks unserer Zeit scheinen Menschen mit geringer Bildung, wenig Geld oder beidem zu sein, gerne auch jene mit Übergewicht, verloren gegangenen Verwandten, verhaltensauffälligen Kindern oder Karriereknick, so genannte Z-Promis. Und das Volk begafft sie und hat seine Freude daran.
Dschungelcamp, Big Brother und viele andere Formate verfolgen vor allem das Ziel, Menschen dabei zu zeigen, wie sie sich menschlich zeigen.
Ihre Ängste, ihre Macken, ihre Schwächen, ihre Schrullen, ihr Leiden und ihre zwischenmenschlichen Probleme wecken das voyeuristische Verlangen nach Mehr in uns.
Wir bekommen auch ihre Schokoladenseiten zu sehen, aber in erster Linie geht es um die kleinen und großen Dramen. Eifersucht. Schmerzen. Ekel. Tränen. Leid.
Bei all diesen Formaten wird selten etwas dem Zufall überlassen, denn sie sind häufig gescriptet.
Der Hartz IV-Empfänger, der sich über den Umgang mit ihm beschwerte, war einem Aufruf des Senders gefolgt, bei dem man Darsteller für TV-Formate suchte.
Er hatte also die Entscheidung getroffen, vermutlich in dem Wissen, um welche Art von Sender es sich handelte.
Die „Freaks“ von heute werden in ihrem Wunsch nach etwas Aufmerksamkeit, Abwechslung, „Ruhm“, Abenteuer und natürlich Geld vermeintlich ausgenutzt.
Zurück bleibt das Gefühl, ein Opfer zu sein.
Aber: Hätten sie das nicht wissen können?
Und ist es nicht so, dass wir IMMER eine Wahl haben?
Dieses Thema spielt in nahezu jedem Coaching eine Rolle.
Die Freiheit der eigenen Entscheidung.
Und nahezu in jedem Coaching begegnet mir hier auch der größte Widerstand.
Man müsse ja arbeiten, um zu leben.
Man müsse ja den ungeliebten Job behalten, um nicht arbeitslos zu sein.
Man müsse ja beim Ehemann bleiben, den Kindern zuliebe.
Man müsse ja die kranken Verwandten pflegen, weil sich das so gehöre.
Man müsse ja jeden Feiertag bei den Schwiegereltern verbringen, weil diese sonst wütend wären.
Man müsse ja das Medizinstudium wählen, weil die Eltern das so erwarten.
Man müsse ja seinen Mund halten, weil sonst jemand schlecht über einen denken könnte.
Usw.
Sehr viele Menschen ertragen lieber ein Leben lang ein Leid als eine potenzielle Konsequenz durch Veränderung.
Eine Entscheidung zu treffen, ist häufig eine schwierige Angelegenheit.
Man muss abwägen. Vor- und Nachteile. Pros und Cons.
Und manchmal lässt sich so gar keine Entscheidung herbeiführen.
Die einen sitzen es dann aus, und alles bleibt wie es ist, oder ein anderer trifft eine Entscheidung für sie.
Die anderen hören auf ihr Herz oder ihren Bauch.
Kommen wir zurück auf die modernen Freakshows.
Die Menschen, die hier zuweilen regelrecht vorgeführt werden, haben einen Vertrag unterschrieben. Dieser dürfte jede Menge Kleingedrucktes beinhalten, und man darf sich fragen, ob sich jeder all das durchgelesen und dann auch wirklich verstanden hat.
Fakt ist jedoch, dass jeder die Gelegenheit hat, zu fragen, wenn er etwas nicht versteht.
Tut er dies nicht, hat er eine Entscheidung getroffen, nämlich die, nicht zu fragen, obwohl er möglicherweise nicht alles versteht oder vielleicht nicht lesen kann.
Das mag sehr hart klingen, und ganz sicher verkaufen TV-Sender ihre Formate an Interessierte auch äußerst rosarot als tolle Chance, ins Fernsehen zu kommen.
Nichtsdestotrotz sind auch sie an Gesetze gehalten und werden bei niemandem die Hand beim Unterzeichnen des Vertrages führen.
Einer meiner Mandanten beharrte im Coaching darauf, dass „ja eh alles keinen Sinn mache“.
Zum Arzt gehen? Macht eh keinen Sinn. Alles Scharlatane.
Arbeiten gehen? Sinnlos. Alles Verbrecher, die einen nur für Niedriglohn abzocken und dann wieder kündigen.
In die Natur gehen? Sinnlos. Natur ist eh verseucht.
Kontakt zu Menschen? Sinnlos. Sind eh alle falsch und verlogen.
Nun ist dies natürlich ein sehr schwerer und vermutlich pathologischer Fall.
Beim Thema „freie Entscheidung“ und der damit einher gehenden Problematik der Opferrolle ähneln sich die Reaktionen jedoch.
Wer will schon gerne das Opfer sein?
Tatsächlich jedoch begeben sich sehr viele Menschen ganz freiwillig genau dorthin - in die Haltung eines Opfers.
Durch die fehlende Bereitschaft, anzuerkennen, dass wir IMMER eine Entscheidung treffen, begeben wir uns in die Opferrolle – und beklagen hinterher ein eventuell unerfreuliches Ergebnis.
Der Job macht dich krank? Du kündigst dennoch nicht?
Dann hast DU diese Entscheidung getroffen.
Aber du brauchst doch das Geld?
Dann hast du dich FÜR den Job WEGEN des Geldes entschieden.
Du hast doch keine Wahl?
Doch. Die Alternativen lauten: a) anderen Job suchen, b) keinen anderen Job haben
Aber das geht doch nicht, ohne Job!
Doch. Das geht. Wenn man sich dafür entscheidet.
Das macht doch keiner!
Doch.
Manche Menschen entscheiden sich dafür, den gehassten Job auf eigenes Risiko
hinzuschmeißen und arbeitslos zu sein.
Oder sie suchen aktiv nach einem anderen Job und kündigen dann.
Spätestens an diesem Punkt steigen viele aus, lehnen jeden weiteren Dialog und somit eine echte Chance auf Veränderung und AUTONOMIE ab.
Freiheit ist allen wichtig.
Niemand mag Einmischung, alle möchten möglichst unabhängig und frei sein.
Das Erkennen und vor allem AN-erkennen der eigenen Entscheidungsfreiheit ist für viele Menschen jedoch häufig ein schier unüberwindbarer Berg, der sich noch dazu oft hinter dichtem Nebel versteckt.
Es geht um Verantwortung.
Selbstverantwortung.
Es ist leichter, dem Wetter, dem Chef, der Bahn usw. die Schuld an etwas zu geben, wenn es nicht gut läuft, wir uns schämen oder einen Fehler gemacht haben.
Mir begegnen tagein, tagaus zahlreiche, sehr unterschiedliche Situationen aus dem Alltag und dem Leben von Menschen, in denen sie nicht in die Eigenverantwortung gehen.
Ein Beispiel:
Frau W. hat ein monatliches Kaffeekränzchen, bei dem sie sich immer mit ihren drei Freundinnen Frau A., Frau B. und Frau C. trifft.
Eines Nachmittags sitzt man wieder zusammen, und Frau W. beklagt sich darüber, dass der Job sie auffresse. Sie fühle sich nicht wertgeschätzt, ständig diese Überstunden, und dann auch noch diese dämliche Kollegin, deren Arbeit sie noch mit machen müsse, weil die das sonst nicht gebacken bekomme, vom nervigen Chef ganz zu schweigen. Und überhaupt sei die Firma ja seit dem Wechsel in der Chefetage das Allerletzte.
Da räuspert sich Frau B. uns sagt: “Hör mal, das erzählst du uns nun seit Monaten. Wenn es doch SO schrecklich ist, warum gehst du dann nicht?“
Frau W. ist daraufhin sehr aufgebracht.
„DU hast gut reden, DU hast ja einen tollen Job, da ist es leicht, sowas zu sagen. Ich kann ja nicht so einfach was Neues suchen, wer nimmt mich denn schon noch mit meinen 45 Jahren, und überhaupt, es gibt ja gar keine Stellen, und da verdiene ich doch nicht das, was ich jetzt verdiene. Pfh, also wirklich, das finde ich ja ganz schön unverschämt, dass du sowas zu mir sagst. Ich dachte, du hast Verständnis. Du hast ja keine Ahnung, wie schlimm das bei mir auf der Arbeit ist. Niemand kann sich das vorstellen.“
Da mischt sich Frau A. ein: “Na, doch, du erzählst ja seit Monaten von nichts anderem. Aber B., hat recht, warum kündigst du nicht und suchst dir was Neues, wenn du doch so unglücklich bist?“
Frau C. nickt zustimmend.
Frau W. ist den Tränen nah. „Nicht einmal IHR versteht mich, und ich dachte, ihr seid meine Freundinnen! Ich muss mir soviel biete lassen im Büro, ich schufte wie eine Blöde, und dann muss ich mich SOWAS anhören!“
Sie springt auf und geht.
Die Freundinnen bleiben kopfschüttelnd zurück.
Solche oder ähnliche Situationen kennt ihr vielleicht auch.
Bei der Arbeit sieht Frau W. sich als Opfer der Umstände und Menschen um sie herum, und sie hatte sich von ihren Freundinnen Mitleid, Mitgefühl und vielleicht einen guten Rat erhofft, als sie wiederholt ihr Leid klagte.
Frau A., Frau B. und Frau C. taten tatsächlich auch das Bestmögliche, nämlich Frau W. an ihre Eigenverantwortung zu erinnern und ihr zu sagen, dass sie ja kündigen und sich einen anderen Job suchen könne.
Das jedoch gab Frau W. das Gefühl, das Feld kampflos zu verlassen, aufzugeben, zu kapitulieren – also genau das Gegenteil von dem, was Eigenverantwortung eigentlich bedeutet. Sie fühlte sich missverstanden, gerade so, als hätten sich die Freundinnen mit dem Feind, ihrem Arbeitgeber, verbündet. Sie fühlte sich von niemandem verstanden.
Sie ist der Überzeugung, Frau B. habe es leichter als sie und könne sich eigentlich kein Urteil erlauben.
Freundschaften und Beziehungen werden nicht selten so definiert, dass man nicht ehrlich, sondern höflich und der Meinung des anderen entsprechend agieren solle.
Ehrlichkeit wird häufig als Affront empfunden, obwohl die meisten Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit als Wert sehr schätzen – aber nur, so lange man ihnen nicht den Spiegel vorhält oder sie an ihre Selbstverantwortung erinnert.
Das ist absolut menschlich, denn der Wahrheit ins Auge zu blicken, kann schmerzhaft und peinlich sein.
Die Wahrheit kann ein ganzes Leben verändern.
Sie kann eine Krise verursachen.
Aber auch den Weg zu einem besseren Leben ebnen.
Ich kenne Menschen, die klagen seit vielen Jahren so oder ähnlich wie die oben zitierte Frau W. über ein und denselben Umstand oder denselben Menschen (oder beides), der ihr Leben zu einem Martyrium macht oder sie einfach nur nervt.
Der Freund, die Nachbarin, das Gewicht, das Wetter, der Verkehr, der Chef, die Wohnung….whatever.
Darauf hingewiesen, dass sie sich aber doch genau dafür entschieden haben, verstehen sie dies häufig nicht und reagieren bisweilen sogar sehr ungehalten.
Fakt ist: Sie HABEN sich dafür entschieden.
So lange, bis sie sich für etwas anderes entscheiden.
Fakt ist auch: Man hat immer eine Wahl.
Vielleicht sind die Optionen, die sich einem bieten, nicht besonders attraktiv, Pest oder Cholera (Beispiel nerviges Arbeitsverhältnis mit schlechter Bezahlung versus Arbeitslosigkeit), aber Fakt ist, es gibt Optionen.
Mindestens zwei.
Immer.
Gehen oder bleiben.
Links oder rechts.
Aufstehen oder sitzenbleiben.
Etwas sagen oder schweigen.
Lernen oder faul sein.
Und jede dieser Optionen hat Konsequenzen.
Angenehme und weniger angenehme.
Spontane oder verzögerte.
Egal, wie wir uns entscheiden, IMMER hat unsere Entscheidung eine Konsequenz.
Vielleicht konnten wir das gesamte Ausmaß einer Konsequenz nicht überblicken, vielleicht fehlten uns Informationen, vielleicht entwickelten sich die Dinge anders als erwartet, vielleicht wurden wir getäuscht.
Aber dennoch haben wir uns für genau diese oder eine andere Option entschieden.
Mit dem Wissen, das uns zum Zeitpunkt unserer Entscheidung zur Verfügung stand.
Und haben sich diese Bedingungen geändert, und wir sind mit unserer Entscheidung von einst unzufrieden, müssen wir eine neue Entscheidung treffen.
Gehen oder bleiben.
Wir haben wieder neue Handlungsoptionen.
Manchmal sind es viele kleine Mikroentscheidungen, die wir am Tag treffen, die am Ende zu dieser oder jener Konsequenz führen.
Es sind nicht immer die großen Lebensfragen.
Es sind nicht immer die großen Lebensfragen.
Aber immer gilt: Wir sind nicht das Opfer der Umstände oder anderer.
Hier sei ganz deutlich gesagt, dass Naturkatastrophen oder Unglücksfälle wie ein Unfall mit einem Geisterfahrer, eine Flugzeugentführung natürlich ausgenommen sind, denn das überschreitet tatsächlich den eigenen Entscheidungshorizont. Hier überlagern die schädlichen Entscheidungen anderer unsere eigenen, und dagegen sind wir weitgehend machtlos. Das ist der unvorhersehbare Prozentsatz, den wir gemeinhin als Schicksal bezeichnen. Aber das Risiko des Schicksals gehört zum Leben ebenso dazu wie Tag und Nacht und sollte unser Leben nicht beeinflussen oder gar Macht über unser Leben erlangen, indem wir überängstlich sind.
Wir können achtsam sein, aufmerksam und wach.
Aber Angst ist kein guter Motor. Angst lähmt.
Ein weites Feld in der Beratung, im Coaching und in der Therapie nehmen Glaubenssätze, Verhaltens- und Reaktionsmuster ein, die mit der Kindheit und den Eltern zu tun haben.
Als Kind vertraut man den Eltern bedingungslos. Man hat auch kaum eine andere Wahl.
Eltern zu sein, bedeutet eine immens große Verantwortung.
Niemand ist perfekt.
Jeder macht Fehler, und die meisten Eltern wollen ganz sicher nur das Allerbeste für ihr Kind.
Aber auch Eltern sind Menschen mit Eltern, die wiederum auch Eltern haben usw.
Und all diese Menschen haben ein Leben, ein soziales Umfeld, schöne, hässliche und traurige Dinge erlebt. Dinge, die sie, ihre Verhaltensweisen und Glaubenssätze geprägt haben, die sie an ihre Kinder und diese wiederum an ihre Kinder weitergeben.
Natürlich ist es insofern absolut richtig und verständlich, wenn jemand sagt „Ich bin so, weil meine Eltern mich so erzogen haben.“ oder „Ich hatte keine schöne Kindheit, deshalb bin ich so.“
Jedoch darf dies allenfalls als Erklärung dienen, nicht jedoch als Universal-Entschuldigung oder permanente Rechtfertigung für unsere Probleme oder jene, die anderen aus unserem Verhalten in der Interaktion erwachsen.
Denn es sind trotz allem immer unsere eigenen Denkweisen und die Entscheidungen, die wir treffen, die uns möglicherweise schaden, die uns immer wieder dieselbe "falsche" Entscheidung treffen oder zur selben Art Mensch hinziehen, nicht die Eltern oder die Umstände, unter denen wir groß geworden sind.
Der Schritt über diese magische Linie ist der Schritt zur Reflektion und zur Selbstwirksamkeit.
Lebensumstände können günstig oder ungünstig sein.
Der eine wird reich geboren, der andere arm.
Der eine hat ein intaktes, stabiles, Umfeld, der andere erlebt Trennungen und Unbeständigkeit.
Und natürlich wirkt dies auf die Entwicklung eines Kindes ein, das sich seiner Welt noch nicht entziehen und eigene Entscheidungen treffen kann.
Und doch kommt der Tag, an dem man auf eigenen Beinen steht und ein Verständnis für Recht und Unrecht, Fleiß und Faulheit und das, was man gemeinhin ganz pauschal unter richtig und falsch versteht, besitzt.
Und hier fängt die Eigenverantwortung an.
Manch einer muss erst einen weiten Lebensweg zurücklegen, um zu erkennen, dass er selbst "falsche" Entscheidungen in seine Leben getroffen hat - wobei "falsch" in der Tat falsch wäre, denn wir handeln immer mit dem Bewusstsein und Wissen, das uns in dem Moment zur Verfügung steht, also nach bestem Wissen und Gewissen.
Wir entwickeln uns, wir lernen stets dazu.
Und der Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." trifft nicht zu.
Es ist nie zu spät, Verantwortung zu übernehmen und die Opferrolle zu verlassen.
Natürlich ist der Weg länger, je tiefer sich Glaubenssätze und Haltungen in uns manifestiert haben. Aber unser Gehirn ist formbar, und wir können Glaubenssätze verändern. Muster. Landkarten. Entscheidungen.
„Opfer“ wird heute unter Jugendlichen gern als Schimpfwort verwendet, und streng genommen ist es das auch. Jemand, der ein Opfer ist, ist jemand, der das Zepter aus der Hand gibt und sein Leben der Willkür anderer überlässt.
"Du Opfer!" könnte also genauso gut meinen "Du bist es selbst schuld."
Harte Worte.
Und ein Opfer ist in unserer Gesellschaft eher als etwas besetzt, das Mitleid und Mitgefühl hervorruft. Opfer eines Attentats. Opfer einer Gewalttat. Opfer eines Unfalls.
Aber die Opferhaltung bringt eben auch die Machtlosigkeit derer zum Ausdruck, die sich aufgegeben und die Kontrolle über ihr Leben anderen übergeben haben.
Die anderen, die "Nicht-Opfer", haben das Ruder in der Hand, treffen Entscheidungen und tragen die Konsequenzen, auch für vermeintlich „falsche“ Entscheidungen – wobei es die ja eigentlich nicht gibt, sondern nur Lernprozesse.
Aus Fehlern lernen wir mehr als aus Erfolgen.
Der freie Wille, die freie Entscheidung ist ein mächtiges Instrument, das uns in unserer zunehmend technisierten Welt heimlich, still und leise mehr und mehr abgenommen wird.
Smartphones, Alexa und Co. sollen unser Leben leichter und unabhängiger machen.
Fakt ist jedoch, dass wir noch nie so dermaßen abhängig und wenig autonom waren wie heute.
Shoshana Zuboff, Harvard-Professorin, nennt dies „Überwachungskapitalismus“. *)1
Sie hat sich mit dem Fluch und weniger mit dem Segen unserer digitalen Welt auseinandergesetzt.
„Big Data“, große Datenmengen, können natürlich für wissenschaftliche Zwecke ausgewertet und für Innovationen genutzt werden, die dem Menschen erheblichen Nutzen bringen können, beispielsweise in der Krebsforschung.
Aber darum geht es den „Überwachungskapitalisten“ nicht.
Cheryl Sandberg hat einst das Geschäftsmodell der individuellen, auf den Einzelnen abgestimmten Werbung bei Google eingeführt, das Shoshana Zuboff das Prinzip des Überwachungskapitalismus nennt.
Anschließend ist Cheryl Sandberg zu Facebook gewechselt, um dort das Gleiche zu tun.
Shoshana Zuboff nennt sie "Typhus Mary".
Mary hieß eine Köchin, die im 19. Jahrhundert von Irland nach New York auswanderte und den Typhuserreger in sich trug. Sie steckte andere an und löste einen großen Ausbruch der Krankheit aus. Seither heißt sie Typhus Mary (Typhoid Mary).
Shoshana Zuboff kritisiert, dass, beispielsweise bei Alexa, der Besitzer zwar durchaus weiß, dass die freundliche digitale Helferin ihm den ganzen Tag zuhört, jedoch wenig bis gar nichts über die Methoden, Maschinen und Algorithmen dahinter weiß.
Viele sagen, dass es ihnen egal ist und die Vorteile eines digitalen Assistenten für sie überwiegen. Aber streng genommen wird unser Denken und die freie Entscheidung massiv manipuliert und uns abgenommen.
Auch wenn wir surfen, bekommen wir häufig Werbeanzeigen, die genau auf unser Konsumverhalten und unsere Vorlieben abgestimmt sind und nicht selten dazu verleiten, zu klicken und zu kaufen.
Wir werden überwacht und manipuliert.
Und wir haben uns völlig freiwillig dafür entschieden – auch wenn das vielen gar nicht bewusst ist.
Shoshana Zuboffsieht darin eine weitere große Gefahr.
Zitat:
„Es kommt zu einer extremen Elitenbildung. Denn so eine ungleiche Verteilung von Wissen hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Das schafft eine neue Dimension der sozialen Ungleichheit – und ein gewaltiges Machtgefälle. Meine Beobachtungen ähneln dem, was der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" festgestellt hat: Nur einige wenige profitieren vom Wachstum. Wir werden zurückkatapultiert in ein feudales Zeitalter. Ähnlich ist es beim Überwachungskapitalismus. Er kontrolliert Wissen und Macht so, wie wir es von vormodernen Gesellschaften kennen.“
Und auf die Frage „Warum lassen wir das zu?“ antwortet sie:
„Es gibt viele Gründe, warum die Überwachungskapitalisten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ziemlich ungehindert tun und lassen konnten, was sie wollten. Einer davon ist die Geheimhaltung. Sie haben alles getan, um uns ahnungslos zu halten, um dann im rhetorischen Nebel von Beschönigungen und Verschleierungen gedeihen zu können.
(…)
Die (Anmerkung: Google & Co.) haben so getan, als seien sie unsere Freunde und nicht profitorientierte Firmen, als würden sie uns stark machen, uns befreien. Ich habe eine Zeit lang Lehrbücher von großen Zauberern gelesen. Irreführung ist der Kern eines jeden Zaubertricks. Das Publikum merkt nicht, was wirklich geschieht, weil der Zauberer die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkt. Eric Schmidt von Google sagte einmal: "In der Wirklichkeit bewahren Suchmaschinen Informationen eine Weile auf." Suchmaschinen! Was für ein brillanter Streich in Sachen Irreführung. Denn es sind nicht Suchmaschinen, die private Daten horten. Es sind Überwachungskapitalisten.
Der freie Wille des Menschen wird mehr und mehr „gekillt“, wie sie es nennt.
Ein Beispiel für die Macht der Kontrolle über die Menschen, ihr Verhalten und die Profitmöglichkeit dahinter, ist Pokémon Go.
Shoshana Zuboff:
„Sie (Anmerkung: Pokémon Monster) verlocken Spieler dazu, private Daten zu verraten. Wann gehen sie wohin? Und sie steuern die Spieler, denn die gehen gezielt an Orte, wo es Monster gibt. Niantic, die Firma hinter Pokémon Go, verdient so ihr Geld. Sie verkauft sogenannte Pokéstops an Geschäfte, an einen McDonald's oder an eine Pizzeria – und die bekommen Laufkundschaft. Das Spiel ist Teil eines ökonomischen Systems, das ich Überwachungskapitalismus nenne.“
Die Versicherungswirtschaft, das Gesundheitssystem, die Finanzwelt, die Bildung, der Einzelhandel, die Autoindustrie, sie alle nutzen längst die Logik des Überwachungs-kapitalismus, so Shoshana Zuboff.
Überwachungskapitalismus, so sagt sie, sei regelrecht toxisch, giftig.
Und gegen dieses Gift müssen wir vorgehen.
Der freie Wille, die eigene Entscheidung, ist ein mächtiges Instrument.
Unsere Selbstwirksamkeit und unser Wohlergehen hängen in einem hohen Maße von unserer Freiheit ab.
Der Freiheit, selbst zu entscheiden und kein Opfer zu sein.
Und so wie der Protagonist des Fernsehformats beim Privatsender seine Entscheidung, dort mitzuwirken, selbst getroffen hat, so treffen wir unsere Entscheidungen jeden Tag. Manchmal irren wir.
Manchmal liegen wir goldrichtig.
Aber immer haben wir eine bewusste Entscheidung getroffen.
Und wenn wir dies wissen, können wir auch jede Konsequenz daraus besser verkraften und verarbeiten. Wir sind nicht machtlos ausgeliefert.
Diese Erkenntnis ist der Hebel, das Steuerrad, der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben, das uns Kraft gibt, uns aus Krisen und bei der Verarbeitung von Kummer und Enttäuschungen hilft.
Frei sein.
Sich befreien.
Aus einem Zustand, aus einer Beziehung, aus einem Umstand, aus einem Gefühl, das uns nicht gut tut.
Ich zum Beispiel habe mich ganz bewusst gegen eine Alexa entschieden.
Ich weiß natürlich, dass ich auch ohne sie als internetaffiner Mensch mit Smartphone und Social Media-Profilen für die „Überwachungskapitalisten“ transparent bin, aber ich bewahre mir meine Privatsphäre wo immer es mir möglich ist und erobere mir meine Freiheit der eigenen Entscheidung mit aller Kraft da zurück, wo ich eine Tür vielleicht einst zu leichtfertig und naiv oder einfach nur hoffend auf etwas Gutes geöffnet habe.
Verträge, Anschaffungen, Beziehungen…
So behalte ich die Kontrolle über mein Leben.
Ich will kein Freak sein, der anderen Macht über mich gibt oder von anderen begafft und vorgeführt wird.
Ich treffe meine eigenen Entscheidungen.
Manchmal bin ich auch freaky.
Aber weil ich es WILL.
Das gesamte Interview mit Shoshana Zuboff könnt ihr hier lesen.
*)1 Quelle: STERN online, 2. März 2019, Rubrik „Digital“ - „Harvard-Professorin erklärt, wie Facebook, Google und Co. den freien Willen killen.“



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